„Super Foto! Und jetzt mal nackt!!!“

Ja, die Headline ist kein wirkliches Zitat und dennoch kommt sie wohl der Wahrheit des Fotografen- und Modellalltages da draußen recht nahe. Ich habe mich ja gestern auf Facebook schon mal zum Thema Aktfotografie geäußert und habe relativ viele Reaktionen bekommen. Daher habe ich mich entschieden, dass Thema nochmal in einen Blogpost zu gießen und mich mit euch gemeinsem, egal ob Modell, Fotograf oder schlichter Leser in eine Art Diskurs begeben. Doch beginnen wir beim ursprünglichen Aufreger, der mich überhaupt erst zum Thema brachte.

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Stellt euch folgendes Foto vor. In einem Hochhaus steht die Metalltür eines Fahrstuhles offen. Am Ende der metallenen Fahrstuhlkabine ist ein Spiegel angebracht, vor welchem eine junge, hübsche Frau steht. Sie ist splitterfaser nackt, lediglich ihre Brust wird leicht von ihrem langen Haar bedeckt. Der Fotograf hat von der linken Türseite in den Spiegel fotografiert, aber so, dass er auch die Rückseite der Dame mit im Bild hat. Das ganze bei steril wirkender, pissgelber Lichtsituation. Dazu sieht das Modell im Gesicht aus, als hätte sie tagelang schon nach Essen im Abfallbehälter vor einem McDonalds wühlen müssen. Sie schaut angewidert und genervt drein.Die Genitalien der Gutsten waren unübersehbar im Bild plaziert.

Stellt euch ein weiteres Foto vor. Die Szene spielt in einem Waldstück. Auf einer kleinen Lichtung liegt ein Baumstamm, welcher von links ins Bild läuft. Darauf sitzt im Sattel-Sitz eine etwas ältere Dame, ebenfalls nackt wie Gott sie schuf. Auch sie zieht ein Gesicht, als wäre sie mit ziemlichem Tempo auf dem Baumstamm zum sitzen gekommen und hätte dabei an einer wirklich empfindlichen Körperstelle einen Ast erwischt. Aber man sieht ihre recht üppige Brust und das noch recht üppigere Hinterteil sehr prominent im Bild.

Solche und andere Fotos dieser Art landen derzeit ungefiltert und ohne Selbstreflektion in unzähligen Fotografie-Gruppen zum Beispiel auf Facebook. Dort stehen dann entweder richtig tiefgründige Dichterzitate vorne an, oder aber das Modell selbst schreibt zum Bild wie super wohl sie sich gefühlt hat und wie mega sie dem Fotografen vertraut hat. Ich weiß nicht mal recht wo ich anfangen soll meinen Unmut Kund zu tun. Fotoblog. Beginnen wir beim Bild selbst.

Wir leben in einer Zeit, da Information in rauen Mengen zur Verfügung stehen. Das gilt ebenso für Inspiration durch Bilder, als auch für Wissen in Form von Tutorials, Videos, Texten und Schulungen jedweder Art. Bildet euch! Wenn ihr vor habt Portraitfotografie oder Aktfotografie im speziellen zu machen, dann bildet euch vorher! Informiert euch darüber, wie man trotz kaltem und pissgelben Fahrstuhllicht eine wunderschöne und erotische Aufnahme von einem Modell anfertigt, ohne dass sie dabei zum einen billig aussieht und zum andere ohne das sie guckt als hätte sie Regenwürmer essen müssen. Ihr tut euch keinen Gefallen damit, einfach „Geil und jetzt mit nackte Titten!“ zu rufen und drauf zu halten, was die Speicherkarten hergeben. Für meinen Geschmack macht eine Akt- oder Teilaktfotografie folgendes aus. Sie zeigt im Prinzip nichts. Es ist der Fantasie des Betrachtes überlassen, sich den unsichtbaren Teil des Bildes selbst vorzustellen und genau an dieser Art Foto wird sich ein Betrachter deutlich länger satt sehen, als an einem billig wirkenden Schmuddelbildchen, bei dem der Betrachter dem Modell durch die Genitalien bis an den Gebärmutterhals gucken kann. Holt euch Inspiration auf so tollen Seiten wie 500px – ich kann mich dort an wirklich stilvoller und geschmackvoller Erotikfotografie kaum satt sehen und bei so unendlich vielen Bildern denke ich mir „Verdammt, bevor du anfängst jemanden so abzulichten musst du lernen wie das richtig geht!“.

Es bleibt die Frage, warum solche Bilder immer noch existieren. Warum professionelle Fotografen, die so etwas abliefern auch noch gefeiert werden bleibt mir ein Rätsel. Warum Modelle, die sagen sie hatten ein total lustiges Shooting und haben dem Fotograf wahnsinnig vertraut auf dem Bild gucken, als hätte es vorher eine Belästigung gegeben, wird sich mir nicht erschließen. Ich habe natürlich euer Argument gehört, wenn ihr sagt, dass vernichtende Kritik nie toll für einen Fotografen ist. Klar, niemand möchte unter sein Werk geschrieben sehen „Ach du Schande“ oder „Ne, das is gar nix!“ – nur zieht doch bitte nicht die falschen Schlüsse aus solchen Kritiken. Lernt aus euren Fehlern. Dass das kein leichter Prozess ist, ist mir durchaus bewusst und ich weiss auch, dass das Internet voller Schlechtigkeiten sein kann. Aber versucht Objektiv und mit Abstand eure Bilder zu betrachten. Fragt echte Freunde, die sich nicht scheuen auch mal negatives Feedback zu geben um ihre Meinung und versucht es noch mal und immer wieder so lange, bis das Bild nicht mehr billig wirkt.

Schaut euch um im Netz und holt euch Inspiration. Versucht das gesehene zu rekonstruieren und wenn ihr es nicht schafft, lernt oder holt euch Hilfe. Datenspeicher kosten nicht mehr viel und sind Geduldig, aber die Zeit, die wir mit dem Betrachten von derart schlechten Bildern verbringen ist zu kostbar. Dabei nehme ich meine eigenen Bilder definitiv nicht aus. Aber ich arbeite dran. Das solltet ihr auch!

Für mich ist dieses Thema nun damit erledigt und ich werde, wo immer ich solche Bilder sehe meinen Unmut darüber zum ausdruck bringen. Man kann von Martin Gommel halten was man möchte, seine Bilder gut finden oder nicht. Aber auch er sieht diese Sache so wie ich und vertieft diesen Gedanken in seinem Artikel noch weiter und überträgt ihn auf die Bildsprache (nicht nur) der Medien.

Wie seht ihr die ganze Sache denn? „Tittenknippsen“ – Toll, weil Titten? Oder wollt ihr am liebsten gar keinen Akt sehen, oder lieber nur dezent? Hinterlasst mir eure Meinung. Wir reden darüber!

Veröffentlicht von

Gründer und Zeugwart bei www.blendstufe.de - Gegenlichtliebe, Available Light Fetischist