Street-Photography – mein Mt. Everest

Kein fotografisches Gebiet ist so wichtig, so komplex und so schwer zu meistern wie die Street-Photography. Man kommt einfach und günstig rein, man hat Motive en masse zur Verfügung und dennoch ist dieser Bereich der Fotografie noch immer mein persönlicher Mount Everest. Warum, das möchte ich euch heute ein wenig erklären und vielleicht habt ihr ja den einen oder anderen Tipp, wie ich an die Sache herangehen kann. Doch bevor wir anfangen, müssen wir ein wenig arbeiten.

Was ist Street-Photography

Googelt man den Begriff allein stehen rund 250.000 Ergebnisse mit teilweise recht unterschiedlichen Definitionen auf dem Zettel. Die für mich passendste habe ich dennoch bei Wikipedia gefunden und dort heißt es:

Straßenfotografie ist eine Genrebezeichnung der Fotografie, die zahlreiche Fotografen und Stile umfasst. Allgemein ist damit eine Fotografie gemeint, die im öffentlichen Raum entsteht[…]

 

Nun gut, denkt sich da sicher der Eine oder der Andere, wenn du Outdoor fotografierst, entstehen die Bilder ja im öffentlichen Raum, ist da nicht alles Street ? Jaein. Man kann es natürlich so definieren aber die Könner dieses Genre wie Cartier-Bresson oder Winogrand würden sich wohl ein wenig verraten fühlen mit dieser Definition. So würde ich für mich persönlich definieren, dass Street-Fotografie nicht nur im öffentlichen Raum stattfindet sondern selbigen explizit zum Kern dieser Kunst erhebt. Street-Fotografie bricht mit allen stilisierten und inszenierten Foto-Genres und zeigt eine Momentaufnahme, einen Querschnitt der Gesellschaft jener Öffentlichkeit in der sich der Fotograf bewegt.

Gewappnet mit dieser Definition, möchte ich nun versuchen mit euch zu ergründen, worauf es mir persönlich bei dieser Spielart geht und warum ich bisher einfach keinen Zugang zu ihr finde. Bevor wir aber zu diesem Kapitel des heutigen Blogposts kommen, sei hier vorab noch ein Dankeschön eingeschoben.

DANKE IVAN

Die Bilder hier im Beitrag sind eine Leihgabe, denn wer aufmerksam gelesen hat, der wird sich zusammengereimt haben, dass ich selbst keine Beispielbilder zur Street-Fotografie besitze. Die Leihgabe kommt von einem richtig talentierten Fotografen, welcher mir nicht nur Freund und Mentor ist sondern welcher mich immer wieder mit dem Thema anstachelt. Einfach nur durch seine Fotos. Die Rede ist vom frankfurter Jung Ivan Slunjski. Er fotografiert analog, er entwickelt selbst und ich liebe seine Straßenbilder. Simple as that. Danke Ivan – geht und liked ihn durch, bis sein Handy Burnout hat 😉

Wer mehr rund um Ivan und die Street-Fotografie haben will, dem empfehle ich seine deutsche Fotografengemeinde “Collateral Eyes”.

Wann ist ein Streetfoto wirklich gut?

Ich für meinen Teil möchte in den allermeisten Fällen Fotos erschaffen, die es Wert sind zu bleiben. Ich hasse “Ausschuss” und ich bin gerne Herr über alle Dinge am Set. Licht, Wetter, Modell, Makeup, Haare, Linse, Emotion, Gesten, Pose – das und vieles mehr definiere ich so gut ich kann an meinem Set selbst. Doch das Ziel ist immer gleich: ein Foto dass nie wieder weggelegt wird und immer wieder begeistert. Ich glaube dass man dieser Idealisierung eines Fotos nur nahe kommen kann, denn wenn man sie erreicht, ist man am Ende der Fotografie angelangt, aber das ist einen weiteren Artikel wert.

Zurück zur Straßenfotografie. Dort stellt sich mir, bevor ich überhaupt losgegangen bin die Frage, wie kann ich in einer zu 100% unkontrollierten Umgebung Bilder erschaffen, die bleiben, die bewegen, die nicht nur “likes” bringen, sondern die Menschen beschäftigen. Nachhaltig. Nun, wie so Bilder am Ende aussehen müssen, zeigen die ganz Großen. Ich glaube jeder der mal eine Bildstrecke von Fan Ho gesehen hat, der weiß hinterher ein gutes Stück mehr darüber, wie das perfekte Streetfoto auszusehen hat.

Ich für mich würde es wie folgt definieren. Ein perfektes Streetfoto bringt die Menschen on Location in Einklang mit der Szenerie und doch sollten sie auf den Bildern herausstehen. Am Besten unbewusst. Ein perfektes Streetfoto erzeugt beim Betrachter instant eine Geschichte im Kopf, zumeist mit wenigen Mitteln. Ein perfektes Streetfoto bedient sich an jedem Gestaltungselement, dass die Fotografie zu bieten hat, wie etwa Farben, Schatten, Kontraste, Bewegung, Stillstand, Linien, Bildaufbau, Tiefe usw. Diese Dinge fließen in einen einzigen Moment. In einen perfekten, nie wiederkehrenden Moment, dem der Betrachter des davon gemachten Bildes im Kopf noch sehr lange nachhängt. Und genau hier, an dieser Stelle, beginnen meine Probleme mit diesem Genre.

Der Mount Everest

Das erste größere Problem, welches ich für mich und meine Beziehung mit der Straßenfotografie sehe, ist das sehen an sich. Einen solchen, weiter oben beschriebenen Moment nicht nur zu erleben, sondern ihn zu erkennen und bevor er verstreicht zu bannen, das ist für mich die größte Herausforderung dieses Genres. Das “fotografische Sehen” ist hier gefragt und das ist ein Gebiet in dem ich mich immer und immer und immer wieder versuche zu schulen und fortzubilden und zu entwickeln und dennoch geht es mir ab. Ich habe ein schlechtes Auge für Dinge, die herausgestellt einfach toll aussehen. Das ist der Grund, warum ich das Gestalten von Fotobüchern lieber Anderen überlasse und das ist der Grund, warum ich keine ordentlichen Food-Fotos für Rezepte hinbekomme. Mir fehlt schlichtweg der Blick für berührende Gestaltung.

Und selbst wenn ich besagten Blick durch permanentes Schulen und durch Erfahrung entwickeln kann, kann ich dann auch noch rechtzeitig eine Kamera in Anschlag bringen und diesen Moment genau so bannen ohne mich am Ende darüber zu ärgern etwas verpasst zu haben? Wie erkennt man, wann so ein Moment gekommen ist und wie macht man daraus etwas das bleibt und ergreift? Ich weiß es nicht und das ist einer der Hauptgründe warum ich mich einfach noch nicht in die Streetfotografie gewagt habe. Der zweite Grund ist wesentlich trivialer. Aktuell fehlt mir schlichtweg die Zeit für Spaziergänge durch die Großstädte wo ich wahrscheinlich aus 3000 Bildern nicht eines für gut befinden würde.

Wie ihr lest und merkt fasziniert mich das Thema total, aber ich scheue mich völlig davor es anzugehen. Dieses Gebiet ist mein ganz persönlicher Mount Everest. Und jedes mal,wenn ich mir Bilder aus dem Sujet ansehe, werde ich neidisch auf alle, die es können und es scheinbar noch mit einer unfassbaren Leichtigkeit tun.

Doch auch ein weiteres Problem gesellt sich insbesondere in Deutschland zu den Streetfotografen. Das Thema Konsens. In der Streetfotografie werden Menschen oft ohne ihre Einwilligung fotografiert. Manchmal als Teil einer Szene, manchmal als Szene selbst und genau da beginnt ein moralisches Dilemma. Das Video hier von Jamie Windsor gibt dazu viele Denkanstöße:

Quo Vadis

Ich verspüre absolute Lust auf die Streetfotografie, denn ich glaube dass es genau das “fotografische Sehen” dieses Bereiches ist, der für alle anderen Bereiche der inszenierten Fotografie einen Obolus birgt. Den würde ich mir gerne sichern. Ich glaube durch die Straßenfotografie wird man flexibler, unperfektionistischer (was manchmal echt wichtig ist). Ich glaube man wird feinfühliger für Farbkompositionen, lockerer und ich glaube es macht einen Heidenspass.

Aber wie genau kommt man in das Thema rein? Muss man wirklich erst jahrelang durch die Straßen laufen um tatsächlich etwas bleibendes zu schaffen? Geht man am Besten zu ein oder zwei Workshops bei den Könnern um einen Zugang zu diesem Bereich zu bekommen? Ich bin für jeden Rat dankbar. Ich bin mir sicher am Ende ist es, wie so oft in der Fotografie, das einfach mal anfangen und machen, welches zumindest eine Entscheidungskompetenz für oder gegen Streetfotos bringt. Und am ganz zum Schluss ist auch die rechtliche Frage gerade in Europa mit der DSGVO und allen anderen datenschutzrechtlich Relevanten Themen noch nicht völlig überschaubar für mich und auch das ist relevant, oder?

Ich bin hier sehr gespannt auf euren Input, denn ich weiß, dass hier auch sehr viele Street-Fotografen mitlesen. Wie seid ihr reingekommen? Wieso macht ihr Street-Fotografie? Wieviele Bilder habt ihr, die ihr wirklich immer wieder ansehen und herzeigen wollt?

 

Veröffentlicht von

Gründer und Zeugwart bei www.blendstufe.de - Gegenlichtliebe, Available Light Fetischist