Schwer verliebt in 24mm

Ich habe eine neue Liebe. Eine neue Leidenschaft. Eine neue Sucht. Eine Beziehung, die nicht ohne ihre Tücken ist und die neben unzählig vielen Ups auch einige Downsides hat. Doch trotz dieser Kontras bin ich schwer verliebt in 24mm als meine neue immerdrauf-Brennweite. Wie diese Liebe aussieht, auf was man achten muss und was man bekommt, erfahrt ihr heute hier und jetzt in diesem Artikel.

Modell: Marcus Heibl

Ich möchte ein wenig ausholen und euch erzählen, wie ich überhaupt zu einer 24mm Brennweite gekommen bin, wo doch an und für sich eher 35mm mein Zuhause und meine absolute Wohlfühlzone ist. Wer das Überspringen möchte, der springt einfach zum Abschnitt “Doch dann kam Tobias Löhr

Eine Scherbe für die Analoge

Angefangen hat alles mit einem Urlaub in Südtirol, bei dem ich unbedingt eine Kamera mitnehmen wollte, aber eben nicht meine Arbeitstiere. Einfach aus der Angst heraus das was passiert, habe ich mich für meine analoge Canon EOS 30 entschieden und bin mit dem Yongnuo 35mm 2.0 gestartet.

Canon EOS 30 | Yongnuo 35mm | Agfa 100 APX | ASA 100, 1/200 , f2

Das Yongnuo ist dabei, wenn man es etwa abblendet ein guter Partner, aber qualitativ am Ende für meine Ansprüche ungenügend, weswegen ich es wieder verkauft habe. Nun hatte ich gar keine Linse mehr für meine Analoge, denn alle anderen Objektive die ich besitze sind auf Sony FE-Anschluss gebaut. Es stand also die Suche nach einem neuen Immerdrauf für meine “Urlaubskamera” an. Dabei hatte ich folgende Anforderungen. Ich wollte eine flexible Brennweite, mit der ich Landscape, Architecture und Portrait abdecken kann ohne dabei wechseln zu müssen. Brennweiten länger als 50mm schieden also aus. Dazu wollte ich keine Brennweite doppelt haben, also schied auch 35mm aus. Ich habe nämlich noch einen Sigma MC-11 Adapter mit dem ich die Canon Linse auch an meiner Sony benutzen könnte.

Ich selbst habe noch nie mit kürzeren Brennweiten als 35mm fotografiert und so kam ich am Ende auf den Trichter, mir ein gebrauchtes Sigma 50mm 1.4 ART für die EOS zu kaufen. Gesagt getan. Und da lag die Kombi dann erstmal und ich hatte keinen Bedarf an dem 50mm auf meiner Sony und wenig Zeit und Motiv um analog zu fotografieren. Lediglich bei einer Hochzeit kam das 50er zum Einsatz. Für genau ein Frame. Diesen:

Canon EOS 30 | Sigma 50mm 1.4 ART | Kodak Portra 160 | 1/250s f 1.4

Lange Rede, kurzer Sinn (*Phrasenschwein fütter*), 50mm sind für mich einfach nicht die richtige Brennweite. Objektiv verkauft, weiter gesucht.

Warum 35mm großartig sind

Um nun endlich dazu zu kommen, warum ich mich so schrecklich sehr in 24mm Brennweite verliebt habe, muss ich ein wenig erklären, warum ich bisher fast ausschließlich auf 35mm gearbeitet habe.

35mm

Die 35mm Brennweite fasziniert mich aus mehreren Gründen, der Hauptgrund dürfte wohl aber folgender sein. Durch den, für Portraits doch sehr weiten Bildausschnitt muss man beim fotografieren mit dieser Brennweite relativ nah an das Modell heran und bekommt so den Betrachter des Bildes in die persönliche Komfort-Zone des Modells. Das macht Bilder mit dieser Brennweite sehr “intim” und persönlich und zeitgleich kann man aber mit der Szenerie die trotz der Nähe zum Modell sehr gut abgebildet wird richtig großartige Szenen komponieren. Man zieht den Betrachter der Bilder förmlich in die Situation hinein und das ohne die Komfort-Zone des Modells tatsächlich zu betreten. Genau dieses Spiel zwischen Nähe zum Modell und Abbildung der Szenerie als Ganzkomposition macht für mich den Reiz dieser Brennweite aus. Dazu liefert das Sigma 35mm 1.4 ART einen Hammer-Look und absolute Schärfe.

Doch dann kam Tobias Löhr

Und wie ich also dann weiter nach Linsen gestöbert habe, die mir eventuell auf die analoge und die Sony passen, ist mir auf Gate 7 ein Interview mit Tobias Löhr begegnet und mit ihm auch seine Bilder. Beim betrachten seines Portfolios und insbesondere seiner Reisefotos ist mir aufgefallen, dass seine Bilder einen unfassbar starken “Sog-Effekt” haben und einen MITTEN in die Geschehnisse katapultieren und einen einfach nur mit offenem Mund staunen lassen.

Foto: Tobias Löhr
(danke für die Erlaubnis)

Natürlich ist dieses Foto deutlich mehr als nur Brennweite. Es ist Motiv, Szene, Farbe, Blickwinkel, Nachbearbeitung und so viel mehr. Doch ich will dahin. DAS sind Reportage-Fotos, wie ich sie abliefern will. So muss ein Foto aussehen und ich bin einfach gerne Reportage-Fotograf und feiere diesen Stil so sehr. Also hab ich den Tobi mal gefragt, welche Brennweite er da genutzt hat. Siehe da, Tobi macht den meisten Kram und insbesondere Reisekram mit 24mm. Ich hab also ein gebrauchtes Sigma 24m 1.4 ART gekauft (ja. ich bin Sigma-Fan. Steinigt mich.) und ich hatte so viel Bock auf diese Brennweite, dass ich direkt ein Male-Model zum Shoot geholt und losgelegt habe.

the good, the bad, the ugly

Die 24mm Brennweite ist insbesondere für Portraitfotografie eine Art Wildpferd, das man eben erstmal kennen, verstehen und nutzen lernen muss. Das bringt mich erstmal zu den Downsides. Man tendiert bei dem 24mm sehr schnell dazu, sehr nah an das Modell heranzugehen. Zum einen weil einfach noch viel mehr Szene im Bildausschnitt ist und das Modell noch kleiner wird, zum anderen weil man es ja von 35mm so gewohnt ist. Doch da steckt der Teufel in der Optik. Diese Brennweite verlangt  bei der Komposition immer ein wenig Headspace, sprich “leerer” Raum zwischen Modell und oberer Bildkante. Außerdem ist es etwas schwierig, den richtigen Blickwinkel zu finden. Mit 35, 50 und 85mm bin ich immer etwa auf Höhe der Nase meines Modells. Bei 24mm bin ich meistens deutlich darunter. Zum einen für den Headspace und zum anderen eben für den richtigen “Sog-Effekt”.

Außerdem muss man sich in der Nachbearbeitung darüber im Klaren sein, dass Portraits mit so einer Brennweite natürlich einen deutlichen “Barrel-Effekt” aufweisen. Den muss man nicht zwingend in Post korrigieren, aber immer im Auge haben um störende Verzerrungen ausgleichen zu können. CaptureOne Pro und Lightroom haben das aber richtig gut drauf.

Wenn man diese Dinge bei der Komposition im Hinterkopf hat, zeigt das 24mm seine Stärken.

24mm

Es ist bei 1.4 absolut scharf, bis in den Rand. Es hat einen richtig tollen Look (hier kann ich natürlich nur für das Sigma sprechen) und eröffnet dem Kopf so viele neue Räume und ebenen, dass ich damit in sehr naher Zukunft auch den Einstieg in die Streetfotografie wagen werde.

Alles in allem macht das Ding einen so großen Spaß, dass es mein 35mm als Immerdrauf abgelöst hat und ich kann euch diese Linse wirklich nur wärmstens empfehlen. Besonders genial ist für mich nun auch die Situation, dass ich diese Brennweite auf allen meinen Systemen nutzen kann. Fun ahead!

Veröffentlicht von

Gründer und Zeugwart bei www.blendstufe.de - Gegenlichtliebe, Available Light Fetischist