Mit oder ohne Euphorie?

Endlich kann ich euch hier im Blog mal wieder ein fotografisches Thema präsentieren und meine Herangehensweise an selbiges. Bei diesem Thema gibt es nämlich kein richtig oder falsch und jeder muss so ein wenig seinen eigenen Weg finden. Aber ich zeige euch meinen Weg und erkläre euch warum sich meine Meinung dazu im Lauf der Zeit gewandelt hat.

Bildauswahl und wie es mal war

Die Rede ist von der Bildauswahl. Ihr habt ein tolles Outdoor Shooting gehabt, mega Gegenlichtfotos gemacht und eure Bilder schon auf dem Display der Kamera zusammen mit dem Model kräftig abgefeiert? Prima! Doch wie geht ihr nun weiter vor?

In unzähligen Coachings und Videotutorials bekommt man bis heute noch folgenden Rat:

Beschäftigt euch nicht am selben Tag des Fotoshoots mit der Bildauswahl, denn die Euphorie über die Bilder und das Shoot an sich trübt eure Sicht auf die tatsächliche Qualität der Bilder

Der Hintergrund zu diesem Ratschlag ist eigentlich selbsterklärend, aber da ich bis vor wenigen Monaten noch genau die selbe Ansicht vertreten und Sie in meinen Coachings auch verkauft habe, möchte ich dennoch ein paar Worte dazu verlieren. Fotografieren ist für die meisten Hobby- und Semiprofotografen mehr als ein blanker technischer Akt voller KnowHow und digitalem Workflow. Im besten Fall ist es ebenso für den Profi einfach eine Leidenschaft, die einen tief im inneren befriedigt (hö hö 🙂 ) und einem sehr viel zurück gibt.

Deswegen ist man zumeist nach einem Fotoshoot euphorisiert, begeistert, gut gelaunt und heiß auf die Endergebnisse. Setzt man sich mit dieser Euphorie direkt an die Bildauswahl, so kann es leicht passieren, dass man Bilder für gut befindet, die aber eigentlich eher zweite Wahl währen. So zumindest die Theorie.

Times have changed!

Diese Ansicht hat sich mir, ohne dass ich es anfänglich groß gemerkt hätte, ins Gegenteil verkehrt. Ich bin mir selbst erst dieser Tage darüber bewusst geworden und möchte damit eine Empfehlung aussprechen. Nutzt diese Euphorie! Geht an die Bildauswahl, habt weiter Spaß, feiert euch und eure Ergebnisse dabei und lasst euch nichts anderes Erzählen. Der Grund dafür ist einfach.

Selbst wenn bei dem Shoot auch Bilder zweiter Wahl entstanden sind – und da rede ich nicht von handfesten technischen Mängeln wie Unschärfe an der falschen Stelle sondern eher von Nuancenabweichungen zum Beispiel bei der Positionierung der Sonne hinter dem Modell – werdet ihr diese Bilder aufgrund eures Glücksgefühls, aufgrund der guten Laune und der Euphorie aus dem Shoot in etwas wunderbares verwandeln. Ihr legt vielleicht weniger Wert auf die blanke Perfektion des Fotos und mehr auf den eingefangenen Moment und das ist zumindest in meinen Augen der deutlich wichtigere Teil des ganzen Prozesses.

Dazu kommt auch, dass einem die positiven Emotionen sogar in der Nachbearbeitung so beeinflussen, dass man eventuell noch den Einen oder Anderen Kniff mehr versucht um das Maximum aus einem Foto heraus zu holen und das ist definitiv nichts schlechtes, oder?

Natürlich gibt es von mir auch ein paar Tipps, wie ich mit der Bildauswahl dann am Ende umgehe um die Shootingeuphorie eben nur als Mittel zum Zweck und nicht als dominanten Workflowprozess zu verwenden.

Nutzt eure Euphorie

Mein Workflow sieht wie folgt aus. Ich mache drei Auswahl-Runs auf meine Bilder. Im ersten Run schmeiße ich alle Bilder aus der Galerie, die technisch Grobe Mängel aufweisen, wie etwa komplette Unschärfe wo sie nix zu suchen hat, Fehlfokussierungen oder ähnliches. Das sind bei mir meistens sehr wenige Bilder. Im zweiten Run suche ich mir direkt die Bilder aus, die mich sofort noch am Display begeistern und mir quasi das Endergebnis des Bildes schon direkt im Kopf präsent ist.

Diese beiden Runs mache ich noch am gleichen Tag des Shoots und lasse mich dafür ruhig mal von den Emotionen begeistern und von der Euphorie leiten.Meistens mache ich die Bilder aus Run 2 auch direkt fix und fertig zum Endprodukt, noch am selben Tag.

Der dritte Run erfolgt am nächsten Tag oder eine Weile später. In diesem suche ich mir Bilder aus der gleichen Bildserie aus, die in Run 2 entstanden sind und vergleiche sie noch einmal miteinander. Direkt nebeneinander im RAW-Konverter sieht man dann relativ gut, ob es sich lohnt noch das eine oder andere Bild der Serie mitzunehmen und fertig zu bearbeiten.

Wie ich Eingangs schon schrieb gibt es hier bei diesem Thema kein richtiges Vorgehen. Jeder muss da für sich seinen eigenen Weg entdecken und auch Dinge die man in Coachings lernt nicht dogmatisch behandeln sondern viel mehr adaptieren. Last but not Least interessiert mich natürlich auch eure Meinung. Wie macht ihr das?

Lasst ihr die Emotionen erstmal verfliegen und geht eher nüchtern heran oder steigert ihr euch direkt nach der Fotosession schon in die Galerie und lasst euch von den positiven Gefühlen mitreißen?

Veröffentlicht von

Gründer und Zeugwart bei www.blendstufe.de - Gegenlichtliebe, Available Light Fetischist