Ich hatte kurz ne Leica in der Hand

Ja, manchmal schreibt das Leben so Kurzgeschichten. Mein Freund und Streetfotograf Ivan hat mir eine Leihgabe zurück gebracht und sagte im gehen: “Schon mal ne Leica in der Hand gehabt?”. Nein. Noch nie. Und zack sind wir für ein paar Frames auf der Straße unterwegs. Er meine a7iii mit dem 24mm, ich die Leica Q2 mit dem Summilux 28mm 1.7. Was dabei heraus gekommen ist, lest ihr jetzt und hier.


Doch wie immer, bevor wir uns an das Thema des Tages machen, ein paar Vorgedanken, damit dass, was ich euch heute berichte nicht ohne Einordnung und Kontext gelesen wird. Als erstes ist es wichtig, dass ich vor diesem Tag noch nie eine Leica in der Hand gehabt habe. Ich kenne also weder die Menüs, noch den Aufbau der Kamera noch sonst irgendetwas von diesen Kameras. Außerdem gehört zum Kontext, das Leica nicht nur einfach eine Kamera-Marke ist. Leica hat die moderne Fotografie in ihrer Wiege begründet und ist eine Marke, die wie kaum eine andere Tradition mit brillianter Technik verbindet. Doch dazu später mehr. Ich habe die Leica Q2 für ziemlich genau 45 Minuten ausgeführt, ohne Plan, ohne wirkliches Motiv und aus reinem Spaß an der Freude. Bist du, lieber Leser, einer der diese Marke mit seinem fotografischen Leben noch mehr verbindet als das, was du damit produzierst, behalte diesen Kontext im Hinterkopf. Denn das was ich hier schreibe ist kein Testbericht, kein Review, ja noch nicht ein mal ein wirkliches “Hands-On”. Viel mehr gebe ich hier ein paar Eindrücke wieder. Eindrücke aus 45-Minuten mit einer Leica Q2

Das Leica-Gefühl

“Fotografieren wie vor 100 Jahren” – das könnte mehr oder weniger der Werbeslogan der Firma Leica Camera aus Wetzlar sein. Viele Firmen haben sich daran versucht eine moderne Marke mit tiefer Verbindung zur Geschichte und Tradition des Unternehmens und insbesondere der eigenen Produkte zu schaffen, doch keinem ist das so gelungen wie Leica.

Das bestätigte sich für mich beim allerersten Anfassen der Leica Q2. Sie ist angenehm schwer in der Hand, wirkt robust genug um damit einen Nagel in die Wand hauen zu können und rangiert in der Kategorie “Sexiness” für mich irgendwo zwischen Megan Fox und Angelina Jolie (mir ist kein besserer Vergleich eingefallen, ich pack nen 10er in die Chauvie-Kasse). Auch mit dieser angenehmen Schwere in der Hand, ist die Q2 dennoch klein, leicht, mobil, subtil und auf den ersten Blick wohl ein brillianter Begleiter für die Street-Fotografie.

Das erste Auslösen und der erste Blick aufs Display der Q2 verschafft dem Fotograf, in diesem Falle mir, einen echten Ekstase-Moment. Die Farben wirken wie nicht von dieser Welt. Silbern, fast schon wie polierter Chrom, kontrastreich und nicht zu satt zur gleichen Zeit erzeugt diese kleine Kamera phänomenale Bildtonungen. Sofort hat man seine Leica-Fotografenkollegen und ihr Schwärmen in Ohr und Kopf. Man hat ad-hoc ein “WOW”-Gefühl in der Hand und hat Lust auf mehr. Ich drücke Ivan also kurzerhand meine Sony in die Hand und wir beide ziehen durch die Straßen.

Zwei Stühle, eine Geräuschkulisse

Während Ivan und ich also so durch die Straßen tingeln, geben wir etwa die gleichen Töne von uns. “Wow”, “Oh” und “Ah” sagend liefen wir des Weges entlang. Doch dann kam bei mir zumindest die Ernüchterung. Ich bin von meiner Sony einen furchtbar schnellen, 99%-treffsicheren und sehr anpassbaren Autofokus gewohnt. Mit der Leica habe ich die ersten 10 Schüsse auf bewegte Objekte wie Fahrzeuge in den Sand gesetzt. Auch bei etwas langsameren Zielen, wie Menschen, Hunde und Fahrradfahrer habe ich nicht wirklich scharfe Bilder produzieren können. Das kann natürlich am falschen Autofocus-Modus gelegen haben, aber ich habe es schlichtweg versäumt danach zu gucken. Auch im Single-AF sitzt da bei meiner Sony eigentlich alles und Kollege Ivan nebenan, mit seiner Begeisterung für die Geschwindigkeit meiner Sony hat das noch einmal bestätigt.

Puh. Da stehst du dann da, hast eine ~ 5.000 €uro teure Kamera in der Hand, die quasi jeder feiert und bist erst einmal schrecklich ernüchtert. Das Summilux macht dabei an der Q2 eine fantastische Figur. Knackscharf bis in den Rand bei 1.7er Blende, das kann sich sehen lassen und dazu kommen keine CAs oder spürbares Barelling.

Zwischen Jubel und Ernüchterung

Was mich beim Auslösen der Leica IMMER und IMMER wieder begeistert hat, waren die Farben. Ich kann mich da nur nochmal wiederholen, die Farben sind nicht von dieser Welt, der ISO ballert ohne Rauschen richtig hoch und der Dynamikumfang geht sauber in Ordnung. Ich glaube alleine dafür und natürlich auch für die Abbildungsleistung des 28er Summilux wären viele Fotografen locker bereit, das Geld in die Hand zu nehmen, das Leica für diese Kamera aufruft. Hätte ich es übrig, würde ich das wahrscheinlich auch machen.

Was mich eher abgeschreckt hat, war das Tempo und der Autofokus dieser Kamera. Es war wie ein alternierender Gefühlszustand zwischen Jubel und Ernüchterung. Ich habe mir die A7iii hauptsächlich wegen des Tempos und des Real-Time Augen-AF gekauft und genau das ist es dann auch, was ich an der Q2 schmerzlich vermisst habe.

Fotografieren wie vor 100 Jahren

Wieder daheim angekommen, ist mir die Leica nicht aus dem Kopf gegangen und einige Gespräche mit Kollegen später (Hallo Dennis 🙂 ), wurde mir die Sache auch deutlich klarer. Tradition gibt bei Leica die Marschrichtung vor und mit “fotografieren wie vor 100 Jahren” setzt der Hersteller die Pace. Ich meine das wie folgt. Mit deiner Leica fotografierst du langsamer und dadurch deutlich überlegter. Du komponierst mehr und denkst deutlich mehr nach bevor du auslöst. Klar wenn man sie richtig einstellt, kann die Q2 sicherlich auch Tempo, aber es ist eine ganz andere Herangehensweise an diese Kamera.

Sprechen wir also über den Kosten-Nutzen Faktor aus meiner Sicht. Ich bevorzuge in erster Linie Tempo. Ich erschaffe meine Bilder im Endprodukt gerne stark entsättigt und kontrastreich, das macht die Leica schon von Haus aus richtig gut, aber in Sachen Tempo ist sie einfach nicht so ein Arbeitstier wie meine Sony. Würde ich Stichtag heute vor der Wahl stehen, welche Kamera ich kaufe, weil ich nur alte Maulesel oder eben gar kein Arbeitstier habe, würde ich die Leica Q2 deutlich länger evaluieren und ich möchte nicht ausschließen, dass ich sie aufgrund der Farben und des ganzen Look and Feel des Gerätes kaufen wollen würde.

Was für mich perfekt wäre, wäre aber ein Hybrid. Das Serientempo der A7iii, die Auflösung und Bildqualität der Leica, mit der Anpassbarkeit und Genauigkeit der Sony. Das wäre ein Sofortkauf, glaube ich. Stellt es euch vor. Eine 50MP spiegellose Kamera, mit den Farben und dem Image-Processing aus Wetzlar und dem Tempo und Real-Time Eye-AF der Sonys.

Wow. Das wäre ein Geschoss. Aber das Leben ist kein Wunschkonzert und so fällt mir aktuell nur wenig ein, dass mich dazu Bewegen könnte das Geld in die Hand zu nehmen und eine Leica zu kaufen. Mein Geldbeutel ist für diese Erkenntnis übrigens fast so erleichtert, wie meine Finanzministerin 😛

Over and Out.

Veröffentlicht von

Gründer und Zeugwart bei www.blendstufe.de - Gegenlichtliebe, Available Light Fetischist