Farbe oder Schwarz-Weiss?

Farbe oder Schwarz-Weiss, diese Frage stellen nicht nur haufenweise angehende Jungfotografen auf Facebook in unzähligen Gruppen und auf unzähligen Seiten, auch in der Nachbearbeitung stößt man immer wieder auf diese Entscheidung. Was also tun?

Um eine entsprechende Entscheidung zu fällen, gehen die Meisten wohl wie folgt vor. Das Foto wird in Farbe retuschiert, anschließend wird eine Schwarz-Weiss-Konvertierung vollzogen, in deren Anwendung sowohl die die einzelnen Farbkanäle verstärkt oder abgeschwächt werden und eine Kontrastanhebung erfolgt. Dazu gibt es zumeist ein wenig Dodge and Burn extra oben drauf. Anschließend werden die Bilder verglichen und das gewählt, welches dem Schaffer oder seinem Publikum am besten gefällt. Dazu nun ein paar Denkanstöße von mir.

Der Fotograf macht das Bild

Die Entscheidung über Schwarz-Weiss oder farbige Darstellung einer Aufnahme obliegt für meinen Geschmack zu 100% dem Fotografen. Klar, kann man sich vom eigenen Publikum eine Meinung oder einen Rat einholen, denn schließlich ist das ja meistens auch die Zielgruppe welche man erreichen möchte. Dennoch sollte die Entscheidung am Ende vom Fotografen getroffen werden, denn der hat im besten Fall das Bild von Anfang an visualisiert und stellt die Gretechenfrage eigentlich nur um Konversationen loszutreten und seine Zielgruppe einzubinden um die Bindung zu erhöhen. Wer die Entscheidung tatsächlich anderen überlässt kann das natürlich tun, aber er sollte sich Gedanken um seinen gesamten Schaffungsprozess machen und sich vor allem Fragen: “Wofür fotografiere ich?“.

Rolleicord VB auf TX 400

Fotografiert man für Kunden, so sollte man erst recht die Entscheidung über farbig oder farblos selbst übernehmen, denn der Kunde bucht und bezahlt den Fotografen für mein Dafürhalten in erster Linie für seinen eigenen Stil und seine eigene Handschrift. Klar, wenn der Kunde am Ende lieber eine andere Variante des Fotos möchte, sollte man das Ohr offen halten, denn er ist derjenige der die Arbeit bezahlt.

Fotografiert man um seine Arbeiten zu zeigen, damit eine breite Menge anzusprechen oder seine Kanäle zu befüllen würde ich ebenfalls die Entscheidung um die Bildwirkung, die sich mit der Entscheidung für oder gegen Farbe erheblich ändert nicht der Zielgruppe überlassen. Schließlich möchte man für seinen Stil werben, also für das Endprodukt was man am Ende verkaufen möchte.

Denkanstoß

Mein Ansatz an dieses “Problem” ist vielleicht auch für euch interessant. Zunächst die gestalterische Seite. Ich versuche vorab eine bewusste Entscheidung für oder gegen Farbaufnahmen zu treffen um mich eben auch bewusst für oder gegen ein gewisses Medium zu Entscheiden, einen künstlerischen Transportweg, eine komplett andere Bildwirkung. Damit man das kann sollte man nicht einfach ins Blaue fotografieren sondern von Anfang an eine Idee eines fertigen Endproduktes im Kopf haben, das Endergebnis also vorab zu visualisieren und so schon vor dem Drücken des Auslösers zu wissen, ob ein Bild farbig oder schwarz-weiss besser kommt.

Technisch ist diese Nummer nämlich auch noch mal etwas anderes, wie der Tweet des Kollegen @mosphare verdeutlicht. Gute Bilder sind für mich jene, die (meistens jedenfalls) von einem Aufbau aus Kontrasten lebt. Natürlich gestalterische Kontraste wie z.b. zwischen harten Kanten und weichen Flächen, Licht und Schatten oder eben auch in Farben. Letzteres ist aber bei einem Schwarz-Weiss-Foto nicht vorhanden und so reicht mir zumindest nicht, ein farbiges Foto einfach umzuwandeln. Versteht mich nicht falsch, das kann schon in einigen Situationen und je nach Talent des Fotografen schon super klappen, aber meistens bedarf es eben der vorherigen Entscheidung.

Die technische Seite sieht bei mir so aus. Ich visualisiere wann immer ich kann (es gibt natürlich auch Shoots, bei denen das nicht so gut klappt). Habe ich mich vorab für die farblose Variante ob der Bildwirkung entschieden, dann stelle ich mir beim Fotografieren die Kamera so ein, dass mir auch wenn ich ja RAW fotografiere, das Ergebnis am Kamera-Display zumindest Schwarz-Weiss angezeigt wird, also mit entsprechendem Picturestyle. Denn wie oben im Tweet zu lesen bedarf es eines deutlich feineren Herausarbeiten der Kontraste und Licht- bzw. Schattenspiele. Diese gilt es dann in der Nacharbeit ebenso herauszuholen. Eine schlichte Konversion des RAW ist bei mir auch hier nicht genug und sie passiert bei einer anfänglichen Entscheidung für farblose Bilder so ziemlich am Anfang des Retuscheprozesses.

Am Ende macht es jeder anders

Mein Weg dieses Gestaltungsspiel anzugehen mag nicht immer funktionieren und viele machen es auch einfach anders. Ich kenne auch genug Retuscheure die sagen, dass der Umwandlungsprozess immer am Ende der Retusche stehen sollte. Für mich funktioniert dieser Weg aber einfach nicht so gut. Jeder ist da wohl ein wenig anders, weswegen dieser Artikel keines Falles dogmatisch sondern eher als Versuchsobjekt zu sehen ist. Egal wie ihr euer Bild inszeniert, egal wie und wann ihr euch zwischen farbigen und farblosen Aufnahmen entscheidet, es liegt ein gravierender Unterschied zwischen diesen Varianten und diesem solltet ihr auf jeden Fall Tribut zollen.

Veröffentlicht von

Gründer und Zeugwart bei www.blendstufe.de - Gegenlichtliebe, Available Light Fetischist