Wie bereite ich ein Shooting vor?

In den letzten Wochen haben viele meiner Bekannten angefangen, sich der Peoplefotografie zuzuwenden. Sie sind losgezogen, eine neue Kamera und ein paar neue Linsen in der neuen Tasche, haben sich eine Bekannte oder einen Bekannten geschnappt und haben drauf los geschossen. Soweit ist das alles kein Problem, denn gerade in der Fotografie gilt: geht raus, fotografiert soviel ihr könnt, nehmt euch hernach der Probleme an, auf die ihr gestoßen seid. Mit einer guten Shootingvorbereitung lässt sich aber insbesondere in den Anfängen eures Schaffens schon einiges an Fehlern ausmerzen. Wie das geht, möchte ich heute mit euch betrachten.

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Um ein Shooting optimal vorzubereiten, gibt es diverse Punkte die man so für sich abhaken kann. Ob man das in Form einer Checkliste macht, oder einfach versucht als konstanten Workflow in jedes Shooting mitnimmt, dürfte je nach Geschmack variieren. Es gibt natürlich auch genügend Fotografen, die einfach losziehen, ein Shoot ohne alles abfackeln und fantastische Ergebnisse erzielen. Wenn ihr euch aber gerade bei den ersten Schritten etwas schwer tut, kann euch dieser Artikel helfen.

Das Konzept

„Komm wir gehen einfach mal los und gucken was draus wird“ – ist auch eines meiner Lieblingskonzepte für ein Shooting. Meist bringt diese Art der Herangehensweise ein paar Problemchen mit sich die sich durch ein ordentliches Konzept erschlagen lassen können. Zum einen ist es ohne Planung für euer Modell recht schwer, sich eine entsprechende Klamotte zurecht zu legen. Gerade auch Anfänger-Modelle sind oft unsicher und besonders auf die klare Formulierung von „Vorlieben“ des Fotografen angewiesen. Ich für meinen Teil habe zum Beispiel eine Aversion gegen weite Strickklamotten und Hüte. Wenn man sowas vorher genau eingrenzt, wird es für das Shooting leichter. Damit wären wir direkt beim Kern des Konzeptes. Was genau willst du denn machen? – Diese Frage dürfte so ziemlich die erste sein, die euch Jungfotografen euer Modell stellt, wenn ihr es anfragt.

Am besten Arbeitet man in der Fotografie mit Bildern und so auch beim Shooting-Konzept. Ich arbeite da schon längere Zeit mit so genannten Moodboards. Das ist eine Sammlung von Beispielbildern, die der Fotograf (auch gern in Zusammenarbeit mit dem Modell) aus dem Netz zusammen sucht und welche die grobe Richtung in Sachen Kleidungswahl, Posen und gewünschtes Endergebnis vermitteln. Ein gigantisches Tool dafür ist Pinterest. Auf dieser Seite lassen sich Pinnwände erstellen auf denen man nahezu jedes im Netz gefundene Bild pinnen und somit eine Galerie erstellen kann, die man Teilen und auch gemeinsam befüllen kann. Dabei gilt, dass je konsistenter die Galerie ist, desto einfacher ist die Umsetzung.

Nehmen wir also mal an, du als Neufotograf möchtest Schwarz-Weiß Outdoor Fotos von einem Modell machen. Ich habe euch hier mal mein Moodboard dazu freigegeben. Genau so würde ich das anlegen und basierend auf diesen Bildern mit meinem Modell das Outfit, das Makeup, die Frisur, einige Posen und eventuell auch schon grobe Endresultate planen. Nutzt dieses großartige Planungswerkzeug um eurem Shooting ein griffiges Konzept zu Grunde zu legen. Nicht vergessen, dieses Konzept ist ein Leitfaden, eine Inspiration und kein Dogma.

2016-01-28 08_42_15-Pinterest Deutschland_ Kreative Ideen entdecken und sammeln

Location-Scouting

Habt ihr euch nun gemeinsam überlegt, wie euer Shooting grob aussehen soll, beginnt für den Fotografen die Planung der Location. Wo fotografiere ich mein Modell? Welche Hintergründe brauche ich im Bild oder welche dürfen auf keinen Fall drin sein? Darf ich an der Stelle, die ich mir überlegt habe überhaupt fotografieren oder benötige ich Genehmigungen? Diese Fragen sind durchaus wichtig für die Planung einer geeigneten Location.

Die wichtigste, die sich der Fotograf stellen muss ist: Wie fällt an meiner Location zu welcher Uhrzeit das Licht. Ihr solltet also einen Shooting-Ort nicht nur nach den Hintergründen und der Wirkung/Stimmung aussuchen sondern selbigen auch mehrmals zu unterschiedlichen Tageszeiten besuchen um zu sehen, wie das Licht wohin fällt. Das kann euch im Zweifelsfall das Shooting gehörig durcheinander hauen.

Habt ihr zum Beispiel Bilder im Sonnenuntergang geplant und aufgrund der Häuser, Bäume oder Hügel rund um die Location bekommt ihr die Sonne nicht mehr zu sehen, ist es meist Essig mit den Bildern. Location Scouting betreibe ich selbst gerne in Verbindung mit schönen Fahrradtouren zu unterschiedlichen Tageszeiten. Oft findet man tolle versteckte Wiesen, Seen oder Scheunen auf solchen Touren und man hält sich fit dabei.

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Einen heißen Tipp zur Location gebe ich euch noch gratis mit. Ich habe mir angewöhnt, in ein kleines Notizbuch eine grobe Zeichnung der Spots zu machen, innerhalb derer ich in einer gewählten Locations shooten will.

Ich zeichne dabei grob mit Strichen, wie da das Licht fällt und notiere am Rand, wie ich das Modell stellen möchte. Die Zeichnung muss kein Meisterwerk sein, ich arbeite in Ermangelung von Zeichenskills sogar mit Strichmännchen und echt groben Linien. Aber das ganze hat zwei entscheidende Vorteile. Zum einen prägt sich euch die Location schon deutlicher ein, ihr erinnert euch daran, an welchen Stellen das Licht besonders weich oder hart zu welcher Uhrzeit kam und zum anderen erweitert ihr so euer Shooting-Konzept schon um deutlich konkretere Shooting-Spots und eventuelle Posen.

Tech

Am Abend vor jedem Shooting gehe ich eine kleine Checkliste durch und überprüfe den Ladezustand der Akkus, die Funktionalität eventueller Blitze, die Sauberkeit von Sensor und Linsen, sowie den allgemeinen Zustand von Filtern, die Funktionalität von Sendern und Empfängern und allem Sonder-Equipment, dass ich brauchen könnte.

Darunter fallen etwa Regenschirme, Decken für das Modell, falls es besonders kalt ist, Unterlagen zum draufhocken falls es schmutzig ist, eine kleine Trittleiter, falls die Dame recht groß ist. Ich notiere mir was ich vorm Losfahren noch alles tun muss oder einpacken sollte und lege das als Checkliste an, die ich dann kurz vor der Abfhart bequem abhaken kann. Wer ein bisschen mehr planen möchte, kann sich auch an dieser Stelle schon überlegen, welchen Look die Bilder haben sollen und wie die Aufnahmebereiche angelegt sind und somit sich auch schon für einen Body oder eine Auswahl an Objektiven entscheiden. Klar ist „lieber dabei haben als brauchen“ ein taugliches Motto, aber wenn man sich das vorher ein wenig überlegt, spart man sich etwas Last.

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Human-Resource-Plan

Hast du Moodboard, Make-Up, Kleidung, Location und Equipment in deiner Planung untergebracht, stellst du dir am Ende einer gezielten und guten Vorbereitung folgende Frage. „Wen brauch ich denn eigentlich noch dazu?“ Gemeint ist damit der HRP, der Plan für den Einsatz von Assistenten, Shootingbegleitern, Makeup-Artists und eventuellen Filmern bis hin zum schlichten aber äußerst wichtigen „Gepäckassistenten“.

Der HRP entsteht schon beim Moodboard zum Beispiel an der Stelle, wo sich du und das Modell für eine aufwändige Frisur oder ein skurriles Make-Up entscheiden und ihr entsprechend eine Maskenbilderin, Visagistin oder ähnliche Hilfe benötigt. Fragt euch, ob ihr euer Equipment wirklich stressfrei allein Transportieren könnt, fragt euch (und das Modell), ob euer Modell eine Shooting-Begleitung hat oder benötigt um sich wohl zu fühlen. Überlegt und plant ob ihr Hilfe beim Lichtbauen braucht, oder vor Ort jemanden der auf Details wie Halskettenverschlüsse oder BH-Träger achtet. Diese Kollegen müsst ihr organisieren und natürlich auch in die Planung einbeziehen.

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Fünf vor Zwölf

Last but not least passiert bei vielen Fotografen und so auch bei mir eine ganz andere, eine ganz persönliche Art der Shootingvorbereitung. Man hat verschiedene Rituale, diverse Dinge die man nur aus einem Grund tut. Das mentale Einstimmen auf ein Shooting ist gerade am Anfang sehr wichtig. Ich kenne viele Neufotografen, die mit einer gewissen Angst an Shootings gehen. Sie haben Angst vor dem Versagen, Angst vor Spott beim Zeigen von Ergebnissen, Angst, die Technik vor Ort nicht zu beherrschen oder keinen Draht zum Modell zu bekommen. Für diese Probleme gebe ich auch einen guten Tipp mit.

Eure Umwelt reflektiert. Seid ihr entspannt, gut gelaunt und willens das Beste abzuliefern, dass euer handwerkliches Können hergibt, dann merkt das unterbewusst auch euer Modell, eure Helfer und sind um so mehr im kreativen Schaffungsprozess, was wiederrum auf euch als Fotograf reflektiert. So kann man sich gezielt gegenseitig Pushen und zu besten Ergebnissen selbst motivieren. Bei mir passiert der erste Teil dieser Motivation auf dem Weg zum Shooting. Ich steige ins Auto und gönne mir einfach dort einen Moment Ruhe, zücke das Handy und gucke mir das Moodboard erneut an. Dann lege ich meine Lieblingsmusik auf, die teilweise auch beim Shooting gespielt wird und ich bekomme automatisch gute Laune und Vorfreude auf das, was passieren wird. Positiver Stress ist dabei für mich wichtig. Der zweite Teil der Motivation passiert dann beim Shoot selbst, in der Modelführung.

Gebt dem Modell das Gefühl, seinen Job gut zu machen, hört auf ihre Tipps und Anregungen und vertraut ihren Tipps zur eigenen Person. Die meisten Modelle sind am Anfang eines Shoots genau so unsicher wie ihr, aber sie wissen aus dem eigenen Geschmack heraus oftmals noch eine andere, bessere Pose, oder haben selbst noch spontan eine Bildidee im Kopf, die eine absolute Granate werden kann. Pusht euer Modell, zeigt ihm, sofern Gewollt, schon Bilder an der Kamera um euch kreativen Input zu holen. Das gleiche gilt für Assistenten oder Visagisten. Auch die können bei einem Blick auf das Bild an der Kamera oft richtig gute Tipps geben. Ob das ganze Team in eine positive und ergebnisorientierte Stimmung kommt liegt zumeist allein an dir als Fotograf.

Ich rede da bei der Modelführung auch nicht von Sätzen wie „Orrrrja, du bist ja richtig geil!“ oder „Los, Spiel mit der Kamera, sei sexy!“ – das sind abgedroschene Sprüche die einfach für die Füße sind. Aber motiviert euer Model mit Sachen wie: „Das war sehr gut, ich nehm mir die gleiche Pose noch mal von etwas weiter weg mit!“ – das nur als Beispiel. Was ich sagen will ist, gebt dem Model und allen Helfern ein gutes Gefühl. Selbst wenn du Bilder gemacht hast, bei denen schon direkt nach dem Auslösen ein „Daswarnix“-Gefühl bei dir aufkommt, sei nicht destruktiv. Es gibt viele Fotografen, die nach dem Fotografieren in einem Spot die gemachten Bilder durchscrollen und nur mit dem Kopf schütteln. Überlegt euch mal, was für ein Gefühl da beim Modell aufkommt. Tut das nicht. Fragt das Modell nach ihrer Meinung, wenn ein Bild nicht so passt und ihr keine Idee habt, was ihr besser machen könnt und arbeitetet gemeinsam gezielt auf die Verbesserung hin. Eure Umwelt reflektiert euch!

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Happy shooting, ich hoffe das hilft euch dabei, eueren nächsten Shoot entspannter und geplanter zu absolvieren. Denkt aber bei allem Planen daran: Spass machen muss es. Allen. 🙂

Veröffentlicht von

Gründer und Zeugwart bei www.blendstufe.de – Gegenlichtliebe, Available Light Fetischist