Warum mich ein Foto begeistert

In meinem Alltag sind unzählige Feeds mit Informationen integriert. Fast vollständig bestehen diese Feeds momentan aus Fotos. Ebenso scrolle ich fast vollständig an den meisten Bildern vorbei. Die Fülle zieht mich meistens in einen extrem engen Tunnelblick und dieser filtert wirklich nur die für mich interessantesten Bilder heraus und fixiert sie zur Betrachtung.

Das passiert in den meisten Fällen eher wie „Liebe auf den zweiten Scroll“. In ganz seltenen Fällen aber erfasst mein Auge im schnellen Scrollen ein Foto und nagelt es mir direkt vor die Iris. Solche Bilder halten mich, begeistern mich und bewirken dass ich sie mehrmals hintereinander ansehe. Oft über Tage hinweg.

Genau solch ein Foto hat mich auf Instagram erwischt. Fotograf Mike Demuth hat in Berlin das Denkmal für die ermordeten Juden Europas fotografiert. Seht selbst:

Instagram-Direktlink

 

Warum wirkt dieses Bild so auf mich?

Nachdem unter anderem auch meine Frau mir diese Frage stellte, fand ich es an der Zeit, sie anhand eines solchen Beispiels subjektiv zu beantworten.

Den Anfang macht der Bildschnitt. Mike hat hier für mich die Abstraktion an den äußerst möglichen Punkt gelegt und das einfachste in den Bildausschnitt gelegt, was das Bild hergab. Der Entzug des Restes zwingt den Betrachter dazu genau hinzusehen und zunächst zu identifizieren, was das Bild überhaupt zeigt. Punkt für Mike, denn schon hier wird die Sache spannend. Auch die Positionierung der Gedenkmauer ist nahezu perfekt um Spannung zu erzeugen und gleichzeitig das Auge zwischen Himmel und Denkmal wechseln zu lassen.

Ein weiterer spannender Punkt ist die Führung der Helligkeit und das gleichzeitige Spiel mit dem Blickwinkel. Damit das Auge nicht wahllos zwischen Himmel und Monument umherwandert,hat Mike durch die Wahl des Blickwinkels und den Helligkeitsverlauf den Blick des Betrachters auf des elementare Teil des Bildes gelenkt, das imposante Memorial.

Das gestalterisch schönste Mittel aber ist die Linienführung durch schärfe für mich. Auch hier punktet Mike auf ganzer Linie. Die Schärfe ist im unteren drittel des Bauwerks angesetzt und breitet sich radial aus. Da die Schärfe nach außen abflacht, wird der Blick des Betrachtes auf die Tropfen gelenkt. Und damit es auch dann immer noch nicht langweilig wird, sorgt die Unruhe der Tropfenbahnen für genügend Anschaumaterial für das Auge. Einfach grandios. Dazu kommt, dass die Strukturen des Monolithischen Kunstwerkes sogar durch ihre Bearbeitung zum grübeln einlädt. Denn fehlt einem der Kontext, könnte man glauben es handele sich hier um einen Ledergürtel oder sonst etwas,.

Was dieses Foto dann noch zu einem Spitzenbild und für mich schon zum Architekturfoto des Jahres macht, ist eben jener Kontext. Wer sich beim Betrachten dieses Bildes nicht an die beklemmende Tragweite des Holocausts erinnert fühlt, sollte noch einmal hinsehen. Mike hat die Dramatik dieses Verbrechens in einem Bild gebannt und so auch dessen Mahnmal zu einer Botschaft im Bild verholfen.

Ich hoffe ich konnte euch so einen kleinen Einblick in meinen fotografischen Kopfteil geben und ihr fandet es da nicht zu schnöde. An dich lieber Mike sei gesagt: gut gemacht! Reich dieses Foto bitte zu so vielen Wettbewerben ein, wie du nur kannst, denn das sind so Bilder, da wünscht man sich, mann hätt sie selbst geschossen.

Wie ist das bei euch, was macht denn für euch ein Bild so richtig fesselnd und interessant?

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Gründer und Zeugwart bei www.blendstufe.de - Gegenlichtliebe, Available Light Fetischist