Viele Fotos machen

Hallo liebe Kollegen von WhiteWall, aber auch hallo liebe Leser. Durch einen Tweet von heute bin ich auf einen schicken kleinen Artikel aufmerksam geworden. Die Blogger der Druck-Profis von WhiteWall geben in selbigem ein paar Tipps zur Smartphone-Fotografie, von der ich erst heute morgen noch schrieb, dass sie boomt wie kaum etwas anderes.

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Neben einigen guten Tipps, die dieser Blogpost euch an die Hand gibt, muss ich zwei Punkten widersprechen, denn ich habe deutlich andere Erfahrungen gemacht. „Linse reinigen“, „Licht beachten“, „kreativ sein“, „stabilisieren“, „sparsam blitzen“ – das alles sind richtig gute Tipps für Smartphone-Fotografen. Aber für die beiden Tipps „viele Fotos machen“ und „nah ran gehen“ möchte ich euch eine andere Sichtweise verschaffen.

viele Fotos machen

Der Punkt stößt mir persönlich dabei am meisten auf, je nach dem allerdings, wie man ihn interpretiert. Sieht man diesen Hinweis als „mehrere Bilder vom selben Motiv machen“, kann ich dem Ganzen zustimmen unter der Voraussetzung, dass ihr eben nicht 5 mal hintereinander einfach nur den Auslöser betätigt, sondern Blickwinkel, Belichtungsmessung und Fokus variiert. Ein Motiv, welches es wert ist aufgenommen zu werden, hat die Zeit, welche ihr für das Experimentieren mit den Einstellungen verbringt durchaus ebenfalls verdient. Vor einiger Zeit las ich einen Artikel von einem Vater (den ich unglückseligerweise nicht mehr finde), der seinem 5 Jahre alten Kind eine oldschool-Filmkamera schenkte um zu verstehen, wie es die Welt sieht. Darauf fand er immer wieder die gleichen Motive, aber mit zig verschiedenen Blickwinkeln und Einstellungen. Das Kind tat, was viele schon lang verlernt haben. Es experimentierte ohne das Hauptaugenmerk auf das Motiv zu verlieren. Jede einzelne Aufnahme dieses Films hatte seinen ganz eignen Charme.
Interpretiert man allerdings den Tipp von WhiteWall, wie die Kollegen es im ersten Satz beschreiben, widerspreche ich heftig. „Das Gute an der Smartphone-Kamera ist, dass wir sie immer dabei haben. Nutzen Sie dies, indem Sie bei jeder Gelegenheit Fotos machen.“ – Nein, nein, nochmals nein. Das ist einer der größten Fehler, die ihr meiner Meinung nach machen könnt. Denn alles was ihr damit erreicht, ist ein Tunnelblick. Ein ständiges Augengehetze auf der Suche nach dem Motiv. Dieses! Klick! Das da! Klick! Oh yesss, das wird geil! Klick! Nehm ich auch mit! Klick! – Damit macht ihr euch nicht nur eure Kreativität zu nichte, sondern verpasst ungefähr alles, was es eventuell Wert ist sich daran zu erinnern. Die Erinnerung ist meiner Meinung nach ein weitaus stärkeres Medium als jedes Foto, denn sie nimmt eure Emotionen mit. Mein Appell: knippst nicht alles. Lasst die Kamera bewusst stecken und genießt mehr den Augenblick. Nehmt nur gezielt Fotos auf und fotografiert nur Dinge, die euch auch an die Emotionen des Augenblicks binden. Für alles andere lasst die Kamera stecken, egal ob Handy oder Systemkamera oder DSLR.
Ein Beispiel? Gerne. Stellt euch vor ihr seid im Urlaub. Malta, Zypern, die Seychellen, nehmt euer Traumreiseziel. Was meistens passiert ist, dass einfach alles fotografiert wird, was geht, denn man hat sich diesen Urlaub lange erträumt, vom Mund abgespart und erarbeitet. Man knippst. Immer und immer wieder. Viele viele Bilder. Mutti im Hotel, Mutti im Bad, Mutti am Strand, Mutti auf dem Elefanten. Meine Vorhersage lautet, dass ihr euch 95% der Bilder abseits der gängigen Fotovorführung im Fotoclub um die Ecke nicht mehr anschaut. Dafür habt ihr aber Gefühle verpasst. ihr wart gehetzt. Nehmt euch ein oder zwei oder drei Motive und fotografiert bewusst. Experimentiert und nehmt so Bilder mit heim, die sich an Erinnerungen knüpfen und somit im Gedächtnis bleiben.

nah ran gehen

Ja, Macros geben tolle Bilder. Ausschnitte aus einem großen Kosmos so nah und detailgetreu dargestellt, dass man es so eventuell noch nie gesehen hat. Der Tipp, „nah an das Motiv heran“ zu gehen und zu versuchen „das gesamte Foto damit auszufüllen“ um „Aufnahmen detaillierter wirken“ zu lassen, ist an sich kein schlechter. Doch ich möchte ergänzen – tut doch auch mal genau das Gegenteil. Betrachtet die Dinge in Groß, losgelöst von Details. Klar, das kommt bei Blumenbildern nicht so geil und es ist immer eine Frage des Motivs. Aber am Beispiel des gezeigten Blumenbildes gesprochen – wer weiß wie geil der ganze Garten aussah? 😉

Fazit

Wichtig ist vor allem anderen nur eins. Fotografiert bewusst und habt Spaß daran. Lasst Tipps und Hinweise genauso einfließen wie „Regeln“ und Faustregeln, aber versucht eben auch genau aus diesen Zwängen immer mal wieder herauszugehen. Nehmt Bilder mit, mit denen ihr etwas verbindet, denn davon lebt die Fotografie. Gratis mit dazu gibt es einen weiteren Tipp von mir, für Smartphone-Fotografen. Wie ich auch schon als Gastblogger bei 1und1 schrieb, hat ein gutes Foto etwas zu erzählen. Es holt den Betrachter ab, nimmt ihn mit in den Eingefangenen Moment und hält ihn dort für eine Weile fest. Das ist es, was ein gutes Foto ausmacht. Es will gesehen werden und lädt dazu nicht nur ein, sondern fordert vehement dazu auf es zu betrachten.

Veröffentlicht von

Gründer und Zeugwart bei www.blendstufe.de – Gegenlichtliebe, Available Light Fetischist

  • Toller Beitrag, bin voll und ganz deiner Meinung.

    Das mit dem alles Fotografieren kenn ich nur zu gut (letzter Türkei-Urlaub (Rundreise) mit meiner Ex-Freundin). Wirklich genießen konnte sie die z. T. sehr schönen Landschaften nicht.

    Zum Schluss hatte Sie um die 1000 Bilder geknippst, die sich hinterher kein Schwein mehr angesehen hat…

    • So ist es und genau das meine ich 😛