Ich möchte euch hier nicht haben

Politische Themen in einem Fotoblog zu diskutieren, davor habe ich mich immer gescheut. Ich möchte hier eigentlich nur zum Thema Fotografie bloggen, meine Bilder zeigen und euch daran Teil haben lassen. Doch es gibt Themen, an denen kommt man nicht vorbei und einige davon verlangen, dass man sich positioniert. Nicht nur einfach als Statement. Gewisse Themen verlangen eine möglichst objektive Auseinandersetzung mit beiden Seiten, unter Zuhilfenahme von Fakten und Argumentationsketten. Eine Meinung hat hier lediglich am Ende Platz und wahrscheinlich reicht ein einziger Artikel nicht, um alle Facetten zu beleuchten. Aber ich möchte es versuchen, so beginnen wir doch gemeinsam am Anfang.
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Die Geschichte wiederholt sich. Immer. Weil Menschen Gewohnheitstiere sind wird sich die Geschichte der Welt auch so lange wiederholen, solange wir nicht aus Fehlern lernen. Gerade beim Thema Fremdenfeindlichkeit, Asyslgegner, Flüchtlinge, Zuwanderung und dem Umgang der Gesellschaft mit anders Seienden und anders Denkenden ist ein Lernprozess nicht nur unabdingbar sondern glücklicherweise auch noch möglich. Aber es wird knapp. Was aktuell in Deutschland passiert, schockiert mich nicht nur. Es macht mir Angst und ich bin ein besorgter Bürger dieses Landes. Doch anders als es die aktuelle Verwendung dieses Terminus vielleicht vermuten lässt.

aktuelles Zeitgeschehen

Bilder wie diese hier, häufen sich derzeit. Nicht nur in den Medien, deren Wahrheitsgehalt immer vom Herausgeber und seinen Verbindungen abhängt, sondern auch direkt im eigenen Freundeskreis.
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Allein dieser eine Beitrag macht mich fix und fertig und da er symbolisch für sehr viele Beiträge dieser Art steht, versuche ich das mal mit euch zu beleuchten. So Objektiv ich es vermag. Die „Argumente“ der „Asyslgegner“, sofern man beides so nennen kann ähneln sich. Als aller erstes finde ich es gut, dass es Menschen gibt, die sich Gedanken machen, wie die Zukunft in ihrem Land aussehen soll und vor allem auch, wie sie selbige mitgestalten können. Aber ihr kommt zu den falschen Schlüssen. Denn als allererstes wird immer wieder ins Feld geführt, dass Flüchtlinge und Asylsuchende nach Deutschland kommen um zu leben wie die sprichwörtliche Made im Speck. Schon an dem Punkt ist für mich subjektiv die ganze Diskussion beendet. Glaubt ihr denn wirklich, dass Menschen aus Kriegsgebieten, in die eure eigene Regierung fleißig Waffen verkauft und somit den Konflikt schürt, gerne und freiwillig mit nichts am Leib als ihrem eigenen Leben ihre Heimat und ihre Familie verlassen? Glaubt ihr sie wollen sogar noch um ihr eigenes Leben fürchten müssen, auf der Flucht ersaufen, verdursten oder verhungern weil das so schön ist? Glaubt ihr wirklich das minderjährige Flüchtlinge mutterseelen allein in einem fremden Land ankommen wollen, wo sie mit den sprichwörtlichen Heugabeln und Fackeln empfangen werden? Wo ist eure Empathie geblieben? Seid ihr so kalt und abgestumpft, dass ihr nicht mal ansatzweise nachvollziehen könnt, wie viel Leid diese Menschen schon ertragen mussten? Durch Vergewaltigung, Mord, Plünderung, Zwangsrekrutierung, Vertreibung, Enteignung und somit durch die reale Hölle sind diese Menschen gegangen, wer kann es ihnen denn verdenken, dass sie genau davor fliehen?

Deutschland hat das selbe erlebt. Immer und immer wieder. Menschen haben ein recht auf Sicherheit von Leib und Leben. Überall. Objektiv. In nahezu jeder Familie gibt es Menschen die aufgrund von Kriegen fliehen mussten und in anderen Ländern aufgenommen wurden. Menschlichkeit ist hier das Stichwort. Doch die reine Fremdenfeindlichkeit reicht euch offensichtlich nicht. Ihr wollt Gewalt. Ihr wollt Menschen die durch unendlich viel Leid gegangen sind brennen sehen und jubelt sogar noch um jedes Flüchtlingsboot, dass in den Fluten der Weltmeere versinkt.
Genau hier hört es auf mit meinem Verständnis. Schluss mit meinem Verständnis für die Sorge um das eigene Land, Schluss mit dem Verständnis für Angst vor Kriminalität, Gewalt und Überbevölkerung. Genau hier ist der Punkt erreicht an dem ich keinen „besorgten Bürger“ mehr gelten lasse und an dem ich lieber der von euch gehasste „Gutmensch“ bin.

besorgte Bürger

Apropos besorgter Bürger. Auch hier gilt es sich zu positionieren und auch hier gilt es, einen objektiven Diskurs zumindest zu versuchen. Wer sich sorgt, um sein Land, um seine Kinder, um seine Zukunft, seine Habe oder sein Einkommen, den kann ich verstehen. Existenzängste sind, betrachtet man zum Beispiel die Lage der Weltwirtschaft, die Lage der Weltrohstoffquellen oder die Lage der Weltbevölkerungszahlen, durchaus berechtigt. Macht euch Sorgen! Wirklich, das ist gut so. Nehmt diese Sorgen, geht damit zu eurer mit Mehrheit gewählter Regierung und verlangt Antworten auf eure Fragen. Bekommt ihr sie, seid zufrieden. Passen sie euch nicht, wählt eine andere Regierung. Das ist Demokratie. Theorien wie „Wir können doch nicht die ganze Welt aufnehmen“, „Hier ist kein Platz mehr für Flüchtlinge, Deutschland ist voll!“ oder „Wir sind nicht das Sozialamt der Welt“ hört man bei diesen Menschen oft. Wenn ihr hier lest, und euch genau diese Theorien beschäftigen, dann lest ein bisschen. Hier, hier oder hier zum Beispiel.

Informiert euch, denn das ist eure einzige Chance, euren Sorgen entgegen zu treten. Was euch definitiv nicht hilft, bei euren Sorgen ist, sich um das Banner des Ausländerhasses, der gewaltbereiten und neu erstarkenden Fremdenfeindlichkeit zu scharen, mit ihr zu marschieren und anderen Menschen (Spoiler: JA, auch Ausländer, Flüchtlinge und Asylanten sind nur Menschen die versuchen zu leben!) Leid und Gewalt anzufügen. Denkt daran, in welcher Welt eure Kinder leben sollen, denn wenn sich eines gezeigt hat, dann dass sich die Geschichte auch ganz schnell drehen kann. Wer weiss ob nicht morgen schon wir fliehen müssen. Wie wollt ihr das eure Kinder und Familien dann aufgenommen werden solltet? Denkt darüber nach. Lange.

Ich tue euch übrigens auch nicht (mehr) den Gefallen, euch durchweg als Faschopack, braunes Gesocks oder hirnverbrannte Arschgeigen zu nennen. Denn das wird der Lage nicht gerecht und ist Schubladendenken, welches uns nicht weiter bringt. Ihr müsst von selbst darauf kommen, dass blanker Hass und blanke Gewalt, sowie Ausgrenzung, Vertreibung und Abschottung noch nie ein Problem gelöst hat. Noch nie.

Menschlichkeit und die andere Seite der Medaille

Statt nun eure ganze Energie darauf zu verwenden, zu protestieren, zu Marschieren, Statements für Gewalt und gegen Menschlichkeit in alle nur erdenklichen Kanäle zu pusten, wie wäre es wenn ihr euch auf die Situation einlasst. Eure gewählte Regierung befürwortet die Aufnahme von Flüchtlingen und somit könnt ihr noch so viel Demonstrieren, die Lage ist wie sie ist.

Wie ich schon mal geschrieben habe – Information und Wissen sind eure einzige Chance. Geht in die Unterkünfte und schaut euch an wie die Menschen leben. Lasst euch erzählen, was sie durchgemacht haben, versetzt euch in ihre Lage und denkt nach. Ich danke Gott dafür, dass viele Menschen das schon getan haben und mancherorts die Welle der Sympathie größer als das Fassungsvermögen der Empfänger ist.

Zeigt mit dem Finger nicht auf die Menschen, die zum Beispiel aus Afrika fliehen, einem Land in dem Weltfirmen wie Nestlé Kapital aus Trinkwasser schlagen und wo ganze Nationen ihre Krallen um alles schlagen, mit dem die Einwohner ihr Leben finanzieren könnten und eure eigene Regierung nur lächelnd daneben steht und winkt. Man flieht nicht so einfach, lässt alles zurück und riskiert sein Leben wenn man nicht absolut keine andere Wahl mehr hat. Wo die Meere überfischt sind, das Land von fremden ausgebeutet wird und die Regierungen das Geld was sie erwirtschaften in Waffen steckt, welcher die „ziviliserte Welt“ nur zu bereitwillig zum Kauf anbietet, hat man keine Lebensgrundlage mehr. Das ist kein lokales Problem. Das ist ein weltpolisches und gesamtgesellschaftliches Problem.

Und doch: ich möchte euch hier nicht

Mein persönliches Statement steht noch aus, ich weiss. Wenn ihr es bis hier her geschafft habt, bin ich stolz auf euch und verdenke es euch nicht,wenn ihr genau hier diesen Artikel schließt, weil euch noch eine weitere Meinung einfach nicht juckt. Falls doch – bitte sehr!

Liebe „besorgte Bürger“, gewaltbereite Menschen jeder Gesinnung, Fremdenfeindliche und liebe „Asylkritiker“, auch ich mache mir um mein Land Sorgen. Ein Land in dem ich euch nicht haben möchte. Ein Land in dem ich meinem Kind nicht erklären muss, warum man Menschen etwas zu Leide tut, die nichts haben, außer Angst und wenn es halbwegs gut gelaufen ist wenigstens noch ihr eigenes Leben. Nennt mich „Gutmensch“, wenn es euch hilft meine Meinung und diesen Artikel so zu verpacken, dass ihr beides getrost in eine Schublade ablegen und ignorieren zu können. Ich möchte euch nicht, solange ihr nicht offen für Argumente seid, solange ihr nicht offen für Demokratie seid und solange ihr insbesondere nicht offen für Menschlichkeit und Empathie seid. Ihr sorgt euch um das Geld, dass unser Staat für Flüchtlinge ausgibt und dabei hocken die, die am lautesten Schreien schon am längsten mit Hartz IV auf der Couch. Aus welchem Grund auch immer. Ja, ich bin dafür, dass obdachlosen und armen deutschen Familien geholfen wird, die kaum noch das Brot auf dem Teller zahlen kann. Aber die Ursache dafür sind mitnichten Menschen, die aus kriegen fliehen. „Deutschland soll endlich aufwachen“ ist euer Leitsatz. Das wünsche ich mir auch.


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Noch ein sehr persönlicher Nachtrag: Ich hatte einen schwer behinderten Freund, der an seiner Behinderung letztendlich verstarb. Ein Deutscher. Seine größte Angst war immer, dass „die rechten von einst wieder in Positionen kommen, in denen sie die Macht haben, anderen Menschen zu schaden“…

So. Ab sofort wieder Fotos. Over and out.

Veröffentlicht von

Gründer und Zeugwart bei www.blendstufe.de - Gegenlichtliebe, Available Light Fetischist