Gastbeitrag: Mein Analog-Abenteuer

Heute darf ich euch einen Gastbeitrag präsentieren und ich bin sehr froh, dass die Autorin ihre Erlebnisse hier mit euch und mir teilt. Regula ist eine Schweizer Bloggerin, Mutter dreier Kinder und sie nimmt euch in ihrem Artikel mit auf eine spannende Zeitreise. Kamera läuft? Action!

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Wenn man umzieht, dann kann man was erleben – es beginnt im Vorfeld beim Ausmisten! Was da vor einem Jahr alles an jahrzehntelang gehorteten, aber vergessenen Schätzen zum Vorschein kam, waren unter anderem diese Kameras:

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Vorstellungsrunde

Oben liegt eine Canon, Prima Super 115. Sie war eine unserer Vorgängerinnen der heutigen Nikon D 5000. Sie war mein Liebling, bis eine neue Liebe sie verstauben liess – mitsamt dem angefangenen Film in ihrem Inneren. Im Grunde genommen war ich schon gespannt, was ich denn da vor weiss nicht wie vielen Jahren auf Film gebannt hatte – aber die Batterie war leer. Und so blieb sie auch am neuen Wohnort zuerst mal liegen – immerhin schön ausgestellt zusammen mit ihren noch älteren Verwandten.

Auf dem Bild liegt rechts von ihr meine allererste Kamera. Mein Vater schenkte sie mir, als ich ungefähr 10 Jahre alt war. Es ist eine Stafetta und da steht noch dabei „Made in West-Germany“. Gehört wohl zur Familie der Vredeborch-Kameras. Das Alter schätze ich demzufolge auf etwa 50 Jahre.

Unten liegt die braune Kamera, welche meinem (leider vor einem halben Jahr verstorbenen) Vater gehörte. Jetzt kommt der Clou: sie ist meine Namensvetterin! Ein in Deutschland meist unbekannter, in der Schweiz umso geläufiger Vorname: Regula! <3 Lustig ist, dass ich über Google erfuhr, dass sie (Zitat) „mit knapp 5 Mio. gebauten Kameras zu den erfolgreichsten deutschen Kameraproduzenten der Nachkriegszeit gehören“. Eine in Deutschland produzierte Kamera mit einem typisch Schweizer Vornamen und dazu war der Start dieser Regula-Serien dasselbe Jahr, wie mein Geburtsjahr. Dieses wüsstet ihr nun gern, was? Selber nachlesen!

Dann folgt oben links eine ganz spezielle Kamera, genannt Swissbox! Sie gehörte meinem Grossvater. Sie entspricht, ausser der Farbe genau diesem Modell. Ich vermutete, sie sei etwa 100 Jahre alt, aber das Internet teilt mir mit, dass die Baujahre so um 1940 liegen.

Ich präsentierte diese besonderen Kameras in unserem neuen Zuhause und fragte mich insgeheim, ob sie wohl noch funktionstüchtig wären. Hier in unserem Bürozimmer liegen sie im Hintergrund auf dem Eckmöbel, zusammen mit anderen historischen Gegenständen.

Da würden sie heute noch unbenutzt liegen, hätte da der Ben auf blendstufe.de nicht eine Frage geteilt und zwar die, ob hier Leute wären, welche das analoge Fotografieren für sich entdeckt hätten. Mir fielen meine Kameras ins Auge – und ich fasste den Entschluss, mich in mein persönliches „Analog-Abenteuer“ zu wagen. Ich wollte die Kameras zu neuem Leben erwecken.

Das analoge Abenteuer kann beginnen!

Das Abenteuer begann, indem ich alle 4 Kameras einpackte und sie zwei Mitarbeitern in einem Luzerner Fotogeschäft präsentierte. Das sei ein Abenteuer, meint ihr? Also ich begann da schon ein bisschen zu schwitzen, weil ich nicht wusste, ob die mich auslachen würden, wenn ich ihnen derart alte Kameras mit der Bitte vorlegen würde, sie mit Filmen zu bestücken. Wie würden sie reagieren? Ich war eigentlich leicht enttäuscht darüber, dass sie nicht in laute Bewunderungsrufe ausbrachen, sondern die Kameras nüchtern betrachteten, so als ob ihnen jeden Tag 80-jährige Nostalgiestücke vorgelegt würden.

Das Abenteuer würde mich viel Geld kosten, das erahnte ich in diesem Geschäft. Die Canon, Prima Super 115 erhielt neue Power durch Batterien und die Stafetta und meine Namensvetterin Regula Filme. Dies kostete mich insgesamt ca. Fr. 50.—

Leider konnten die Mitarbeiter keinen Film für die Swissbox auftreiben – auch nicht online. Ich gab mich diesbezüglich nicht geschlagen, sondern fragte per Facebook und Twitter, ob mir jemand einen Tipp hätte, wo ich einen 127er Film kaufen könnte, denn ein solcher würde die Swissbox benötigen. Ich erhielt einen YouTube link, zum Zuschneiden eines Films, aber das traute ich mir dann doch nicht zu – und zudem hätte ich extra einen Zigarrenschneider kaufen müssen.

Ich erhielt dann schlussendlich einen Linktipp für eine Firma, welche ich hier nicht namentlich nennen will, denn ich war unzufrieden mit ihnen und möchte keinen Rechtsstreit riskieren. Für einen 127 Film haben wir rund 15 Euro auf ein deutsches Konto einbezahlt. Von der Schweiz aus. Den Film haben wir extra an eine deutsche Lieferadresse bestellt, damit nicht noch teurere Versandkosten anfallen würden. Der eigentliche Warenwert betrug rund 8 Euro.

So stand es in der Rechnung:
Nettosumme Warenwert: 7,98
Die Versandkosten betragen: 4,19 EUR
Die Mehrwertsteuer beträgt: 2,32 EUR
Die Rechnungssumme beträgt somit: 14,49 EUR.
Dies Rechnungssumme von Euro 14,49 haben wir bezahlt.

Doch dann forderten die plötzlich noch 5 Euro dazu, weil ihre Bank ihnen dies abgezogen hätte. Doch es ist ja nicht unsere Schuld, wenn eine deutsche Bank für eine Einzahlung aus der Schweiz 5 Euro belastet. Würde dies öfters vorkommen, so riet ich diesem Händler, sollen sie doch diese 5 Euro bereits auf der Rechnung für Schweizer Kunden aufführen. Aber ich hätte dann ganz bestimmt nicht bestellt. 20 Euro für einen Warenwert von 8 Euro – ohne mich. Ich stornierte den Auftrag und schaute mir erst dann die Kamera gründlicher an. Wie würde man den Film einlegen, wie weitertransportieren nach einer Aufnahme? Hm? Klemmt da nicht was? Ich suchte mit der Swissbox nochmals das Fotofachgeschäft auf und bat sie, die Kamera gründlicher zu untersuchen.

Das Ergebnis ist ernüchternd: sie ist zu verklemmt, als dass überhaupt ein Film eingelegt werden könnte und der Transport des Films würde nicht mehr klappen. Zudem sei es nicht sicher, ob die Box wirklich noch lichtdicht wäre. Es würde sich wohl niemand finden lassen, welcher eine solche Kamera zu einem zahlbaren Betrag reparieren könnte. Ich solle sie doch einfach an einem hübschen Ort aufstellen. Ja, das tue ich ja so oder so. Wäre nett gewesen, wenn ich sie hätte ausprobieren können – schade, geht das nun nicht mehr.
Die Canon, Regula und Stafetta hingegen bereiteten keinen Kummer und durften mit unserer Familie in den Skiurlaub nach Österreich mitfahren. Wie früher, als sie jeden Familienausflug begleiteten.

Nur zögerlich und mit Herzklopfen wagte ich es, die ersten Bilder auf die Filme zu bannen. Und schon begannen die ersten konkreten Fragen: wie tätige ich die Einstellungen? Erträgt die Kamera Gegenlicht? Wieviel Licht muss vorhanden sein? Ist dies wirklich ein gutes Sujet? Lohnt es sich, abzudrücken? Gerade bei dieser Frage, hörte ich plötzlich die Stimmen meiner Eltern im Hinterkopf: „Was hast du da wieder geknipst – nur Berge und Seen – hättest dir besser eine Postkarte gekauft, das wäre günstiger gekommen! Den Finger vor der Linse – und dafür bezahlen wir teuer. Knips nicht so gedankenlos in der Gegend herum – die Filme und die Fotoentwicklung sind ein teurer Spass!“ Natürlich hatten meine Eltern damals nicht bloss Kritisches zu sagen zu meinen Fotografien, aber es war mir schon stets präsent, dass Fotografieren ein teures Hobby ist und vor jedem Abdrücken fragte man sich, ob es sich wohl lohne. Diese Zeiten erlebte ich wieder – ein Zeitreisenabenteuer! 😉

Bei meiner Kindheitskamera, der Stafetta, stellte sich die praktische Frage, wie weit ich nach einem Abdrücken vorspulen muss, denn sie besitzt keinen Hebel, sondern ein Rädchen, welches aber nicht nach einer gewissen Umdrehung blockiert.

Ich versuchte es anfänglich nach jedem Bild mit einer ganzen Umdrehung. Irgendwann aber entdeckte ich auf der Rückseite, dass die Kamera ja die Anzahl geknipster Bilder angab und ich weiterdrehen konnte, bis die neue Zahl erschien. Es gab mal eine Zeit vor über 40 Jahren, da war mir die Handhabung dieser Kamera geläufiger und ich fand das damals kinderleicht. 😉

Im Gegensatz zur Nikon 5000, gibt es bei der Regula und Stafetta keine Zoomfunktion und das störte mich teilweise gewaltig. Wie oft wollte ich den Berg vor unserem Fenster fotografieren, wenn er sich in schönstem Sonnenschein schneebedeckt wie in einem Wintermärchen präsentierte, aber das doofe Dach des Nachbarhauses liess sich nicht wegblenden, weil ich den Berg nicht einfach näher „heranfahren“ konnte. Und die Frühlingsblume, welche aus dem Strassenpflaster und dem Schnee ihren Weg ans Tageslicht fand, hätte ich gern mit Makro fotografiert – doch näher als 1.5 Meter liessen mich weder Regula noch Stafetta ans Objekt ran.

Mit einer Digitalkamera kann der Fotograf jederzeit sein Werk begutachten: ist die Einstellung gelungen, sollte was verändert werden? Ich konnte bei meinen 3 Kameras keines der geknipsten Fotos sofort anschauen. Wie ungewohnt, dabei war das früher das Normale – man kannte nichts Anderes! Mache ich es wohl gut? Och – jetzt habe ich mit der Stafetta vergessen, das Rädchen nach einer Aufnahme zu drehen und nun sind wahrscheinlich zwei Bilder übereinander belichtet worden! Dreht der Film mit der Regula wirklich weiter oder meine ich das nur?

Lustig war es auch, mit solch „altmodischen“ Kameras unter vielen Leuten in der Stadt unterwegs zu sein. Bildete ich es mir nur ein, oder war dies ein anerkennender Blick eines älteren Herrn? Und dort der Bursche dort: schaut doch grad sehr interessiert rüber, ob er ein Nostalgiefreak ist? Aber der chinesische Tourist lächelt ein bisschen herablassend über die veraltete Technik der Schweizer.

Die „Babys“ sind da!

Dann das lange Warten auf die entwickelten Bilder – fast wie eine Schwangerschaft! Wann darf ich meine „Babys“ endlich in den Händen halten und sehen? 😉 Irgendwie war es ja schon auch schön in meiner Kinder- und Jugendzeit: man erlebte wundervolle, unvergessliche Ferien, hat ein paar wenige Bilder davon geknipst und den Film endlich fertiggekriegt (denn ein ganzer Film innert 14 Tagen zu verknipsen, wäre ungeheuerlich gewesen!), gab das Filmröllchen ab oder schickte es ein und wartete dann auf seine Entwicklung. Trafen dann die Bilder in jenen schönen Umschlägen ein, konnte man es kaum erwarten, sie sich anzuschauen und das Erlebte mit Freunden oder der Familie Revue passieren zu lassen. Es war wie ein Warten auf Weihnachten –aber ohne erwartungsvolle Vorfreude und Spannung fehlt doch Irgendwas heutzutage….

Dann trafen sie endlich ein – die Bilder. Zuerst diejenigen von meiner Kindheitskamera, der Stafetta: „mein Experiment ist gelungen“, sagte ich zum Mitarbeiter des Fotogeschäfts und entlockte ihm doch damit ein Lächeln. Ein paar Fotos waren nicht so aussergewöhnlich, eines unter- das andere überbelichtet, bei einem anderen hielt ich tatsächlich den Finger vor die Linse 😉 eine Detailaufnahme unscharf. Doch es hat ein paar darunter, welche als „Fotokunst“ durchgehen könnten. Sie entstanden in einer Kiesgrube im Nachbarort Stans. Das quadratische Kleinformat und die nostalgische Färbung erinnern mich an meine Instagram Bilder. Nicht alle Fotos sind genau gleich gross – sie wurden von Hand im Labor entwickelt und entsprechend stolz ist der Preis dafür: fast Fr. 40.—musste ich dafür hinblättern!

Bei den Fotos aus der Canon Prima Super 115 war ich besonders gespannt, weil der Film, der sich darin befand, unbekannten Datums war und ich nicht wusste, was ich vor Jahren bereits festgehalten hatte. Der Mitarbeiter des Fotogeschäfts warnte mich: wenn sich der Film zu lange in der Kamera befunden hätte, könnte er Schaden genommen haben, vor allem aufgrund der Temperaturschwankungen. Und prompt war ich zuerst enttäuscht und schockiert, als ich den sehr starken Rotstich der entwickelten Fotos sah. Und trotzdem hat sich auch dieses Experiment gelohnt, denn es befanden sich tatsächlich 10 Jahre alte Fotos darauf. Unser jüngster Sohn, damals etwa 3 Jahre alt, in den Spanienferien, beim Rennwettkampf um den schnellsten Beckenriederlauf vor etwa 7 Jahren, ein paar Kindergartenbasteleien von ihm. Die Erinnerung hat ein Lächeln auf meine Lippen gezaubert – und das war es mir die sowieso schon günstigen Fr. 9.—der Fotoentwicklung wert.

Die Fotos der Kamera meines Vaters, der Regula bewiesen mir, dass sich die Kamera an und für sich in gutem Zustand befindet, mir aber der Umgang mit meiner Namensvetterin fehlt. Die Lichtverhältnisse waren nicht immer einfach abzuschätzen und auch mit den Distanzen hatte ich meine Mühe. Ein paar wenige Aufnahmen sind gelungen und ein nächstes Mal wüsste ich besser, auf was ich mich achten sollte. Fr. 40.—kostete die Entwicklung der 26 Bilder.

Stafetta

Stafetta

Regula

Regula

Canon Prima

Canon Prima

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Gründer und Zeugwart bei www.blendstufe.de - Gegenlichtliebe, Available Light Fetischist