Fotografieren am emotionalen Limit – Eric

Tja, manchmal geht es schneller und manchmal schneller als man denkt. 10 Tage nach dem ich euch verkündet habe, dass ich mich als Sternenkindfotograf beworben habe und so schnell habe ich nicht mit einem Einsatz gerechnet. Doch am Freitag war er da.

 

Der Call

Zunächst erlaubt mir einen kleinen Einblick in den Ablauf eines Fotografen-Einsatzes für Dein-Sternenkind zu geben. Der Bedarf an einem Fotografen wird von der zuständigen Hebamme oder den Eltern/Bekannten an uns gemeldet. Wir haben eine App, in der nach Einsatzkreisen sortiert die Fotografen benachrichtigt werden, die in Frage kommen einen Einsatz zu übernehmen. Schlägt dort ein Einsatz ein, muss man entweder zusagen oder absagen. Mit allen Konsequenzen die daraus folgen. Danach meldet der Fotograf der übernimmt sich im Forum an und dort gibt es weitere Details.
Man ruft danach die Eltern oder die Hebamme an und bespricht den Einsatz. Am Freitag war es so weit. Call in meinen Eisatzkreisen. Ein Sternenkind in der zwanzigsten Schwangerschaftswoche braucht mich. Für mich war das eigentlich immer so ein ungeschriebenes Gesetz, dass ich keine Frühchen für DSK fotografiere, denn ich besitze kein Macro-Objektiv. Aber wie so oft reagiert der Finger schneller als der Kopf. Die Fototasche hatte ich ja dabei, darin mein 35mm Objektiv, meine Kamera und ein Reflektor. Aber sonst hatte ich nichts. Ich klickte also auf „Einsatz annehmen“. Warum? Keine Ahnung. Es sollte wohl einfach so sein.

Die Lage

Viel mehr Details als den Einsatzort, die Schwangerschaftswoche und den Familiennamen der Eltern hatte ich nicht und so rief ich im Kreissaal an. Dort gab mir eine Hebamme die Information, dass die Geburt bereits mehrere Stunden zu vor eingeleitete worden ist und man quasi nur darauf warte, dass das Kind zur Welt kommt. Uff. Die arme Mama. Das war der erste Gedanke und meine erste Antwort war: „Ich kümmere mich darum. Ruft mich an, wenn es los geht.“ Von da an ging der Trouble etwas los.
Ich Arbeite in Darmstadt und hatte dort wie erwähnt kein Macro und keinerlei Utensilien für ein Newborn-Shooting. Die sind 64km weiter daheim. Genau wie mein Dauerlicht. Ich habe also via Facebook um Hilfe gebeten und die Fotografen-Community hat sich einmal mehr als schlagkräftig erwiesen. Der unfassbar gute Mark hat mir ohne zu zögern sein 100mm 2.8L Macro geliehen. Wahnsinn. Unendliche Dankbarkeit. Und aus etlichen Ecken kamen Angebote für Newborn-Klamotten und Nestchen. Letztendlich jedoch, kam es anders.

Aufbruch

Der Tag verstrich ohne einen Anruf aus der Klinik und meine Sorge um die Mama wuchs. Ich fuhr also nach Hause, denn mit jeder Stunde die verging wurde es dunkler und man weiß ja, wie grauenhaft die Lichtverhältnisse in Krankenhäusern sind. Daheim hab ich mein Dauerlicht eingepackt, ein Nestchen, etwas Spielzeug, und alles was ich noch so brauche.
Ich zündete für mein Sternchen eine Kerze an und legte mich schlafen, in Erwartung dessen was da kommen sollte. Um 22 Uhr dann ein Anruf einer in Tränen ausgebrochenen Hebamme. Uff. Beruhigende Worte meinerseits, dann den Schlüssel geschnappt und losgedüst. Eineinhalb Stunden Später stand ich vor dem Kreissaal der Klinik. Die Hebamme sagte mir, dass der Papa sehr gefasst sei und die Mama noch im OP. Ich gesellte mich also zunächst zum Papa.
Wir sprachen sehr vertraulich und er war erstaunlich ruhig und gefasst. Ich habe unendlich viel Respekt vor ihm. Er trägt es wie eine Leichtigkeit und ist stark für sein Kind. Ich bekomme Gänsehaut und dennoch war es seine Ruhe, die mir half selbst ruhig und gefasst zu halten. Das nur gute 20cm große Sternchen lag in seinen Armen. Ganz friedlich und wunderschön. Wir haben dann die Bilder grob besprochen und auf die Mama gewartet.

Ich kann es

Da das Krankenhauslicht aus kaltem, ekelig diesigem Licht aus 3 verschiedenen Quellen spärlich leuchtete, baute ich mein Dauerlicht auf ein Stativ um es als Fensterlicht-Simulation zu verwenden. Nach einem Testfoto war mir das Licht noch zu hart. Und da war sie schon, die Situation vor der ich Angst hatte. Technisch ungenügend zu sein, davor fürchtete ich mich sehr. Doch es passierte das, was mein Kumpel Dennis Weissmantel mal gesagt hat. (Anm. d. Autors: OTON!) Wenn du dich mit einem Thema aus Leidenschaft beschäftigst, saugst du einfach alles in dich auf. Gutes und Schlechtes. Aber irgendwann stecks du in einer Situation in der Klemme und es schiesst dir aus genau diesem Zeug eine Lösung in den Kopf.

Ich bat also, weil ich es irgendwann mal in einem schlechten Youtube-Video gesehen habe, um ein Druckerpapier und Tesa und baute mir so einen Diffusior. Perfektes Licht! Strike. Geistesblitz und schlagartig war ich mir meiner Sache sicher. Kamera erneut eingestellt, Testfoto gemacht. Passt. Was als nächstes kommt? Na klar, der nächste Knaller. Der (zugegebener Maßen recht groß gekaufte) Akku reißt und klatscht scheppernd zu Boden. Oh nein. Das darf nicht wahr sein. Ich habe den Akku angesehen und Gott sei Dank war nur das Chassis gerissen. Ich hab es also wieder zusammenklippsen können und da ich nie, NIE, NIEMALS ohne Panzertape shooten gehe, hab ich damit die Nummer gerettet.

Was bleibt…

Ich konnte emotional stabil bleiben und das war die wichtigste Erkenntnis für diesen Einsatz. Ich kann also weiterhin kleinen Sternchen-Eltern ein wenig Linderung verschaffen. Weiter habe ich den Eltern des kleinen, wunderschönen Eric soweit ich das bisher im RAW-Converter sehen kann ansehnliche und schöne Fotos ihres Sternchens verschaffen können. Jetzt suche ich noch eine schöne Box, drucke ein paar Bilder beim DSK-Sponsor Saal-Digital und sende das zusammen mit einem USB Stick und einem Brief an die Eltern. Ich habe Eric betrauert, aber ich bin Eric auch sehr dankbar. Er und seine wundervollen Eltern haben mir die Angst genommen und die Initialzündung für mein weiteres Engagement gesetzt. Dafür bin ich ihnen einfach nur unendlich dankbar

Eric

Lieber Eric! Ich hoffe du verzeihst mir, dass ich dich hier so offen im Blog vorzeige. Aber ich finde es wichtig, die Menschen auf Ereignisse wie das in deiner Familie aufmerksam zu machen, damit immer mehr Sternchen-Eltern wichtiger Erinnerungen erhalten. DANKE, Eric, dass du so Geduldig mit mir warst. Verzeih meine Unsicherheit. Ich wünsche dir Frieden, deiner Familie viel Kraft und ich werde dich mein ganzes Leben nicht mehr vergessen.

Veröffentlicht von

Gründer und Zeugwart bei www.blendstufe.de - Gegenlichtliebe, Available Light Fetischist

  • Puh! Pippie in den Augen. Das ist eine echt hartes Ding!*

    *Ich weiß nicht, was ich schreiben soll/kann

    • alles gut. ja das thema ist was schwer

  • TorgeSantjer

    Poah Benno. Mir fehlen auch die Worte.

    • Ja, das ist keine leichte „Kost“