„Die in die Kamera gehaltenen Brüste sind nicht romantisch“ – von Fotos und der Stereotypenkeule

Diese Headline ist bei weitem kein Clickbait, sondern ist ein Zitat aus der Feder einer Fotografin. Es entstammt einer Diskussion in einer Facebook-Gruppe für Fotografen mit dem Namen „Romantische Fotografie“. Dort hat Alexander Heinrichs ein Bild veröffentlicht und die Frage in den Raum gestellt, ob das Bild romantisch Genug für die Mitglieder besagter Gruppe sei. Was dann entbrannte war ein Diskurs über Romantik, welchen ich nun auch mit euch führen möchte.

Foto mit freundlicher Erlaubnis von Alexander Heinrichs

Foto mit freundlicher Erlaubnis von Alexander Heinrichs

„Sachlich über Romantik reden geht nicht“ – so heißt es wohl und dennoch möchte ich versuchen, dieses Thema und auch den Streit darüber sachlich zu beleuchten. Damit das gelingt, habe ich alle beteiligten Personen bei den Zitaten unkenntlich gemacht. Wir reden also wirklich nur über das Thema als solches und ich möchte mit euch und für mich am Ende zu einer Entscheidung kommen. Damit man aber nun eine Sachlage richtig beurteilen kann, muss man sich zunächst der Definitionen bemächtigen. Zunächst also die üblichen Verdächtigen. Im Duden heißt es zum Begriff der Romantik:

1.a)
„Epoche des europäischen, besonders des deutschen Geisteslebens vom Ende des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, die in Gegensatz steht zu Aufklärung und Klassik und die geprägt ist durch die Betonung des Gefühls, die Hinwendung zum Irrationalen, Märchenhaften und Volkstümlichen und durch die Rückwendung zur Vergangenheit“

1.b)
„die romantische Bewegung“

2. das Romantische, die romantische Stimmung o. Ä., die einer Sache anhaftet

Aus erstens lernen wir zunächst einen wichtigen Fakt. Romantik ist die „Betonung des Gefühls“ und die Hinwendung zum Irrationalen, Märchenhaften“. Das bringt uns in dieser Sache durchaus weit nach vorne. Romantik würde ich nun also für mich herunterbrechen auf folgende Formel. Romantik liegt in der Betonung des Gefühls, der Hinwendung zum Irrationalen und Märchenhaften. Es sollte also in einem romantischen Foto eines dieser Elemente vertreten sein. Dem romantischen haftet aber auch immer eine gewisse Stimmung an, wie uns der zweite Punkt aus dem Duden erklärt. Auch hier wäre meine Einschätzung, das ein romantisches Foto also eine gefühlsbetonte Stimmung, eine irrationale oder märchenhafte Komponente enthalten sollte. Die ersten Meinungen zu dem oben gezeigten Bild, sprachen diesem aber genau diese Eigenschaften ab.

Das Gruppenmitglied bescheinigt dem Foto zwar, gelungen zu sein, dem Modell eine gewisse Schönheit, und auch der Location des Fotos wird zumindest die Möglichkeit bescheinigt, auch für romantische Fotos passend zu sein. Dennoch spricht der Kommentar dem Bild seine Tauglichkeit für die romantische Fotografie ab. Die Begründung dafür ist hierbei der zu tief gezogene Ausschnitt und die Pose. Die Kombination dieser beiden Elemente machen das Foto für diesen Betrachter eher zu einem erotischen Foto, als zu einem romantischen. Das Wichtigste aber an diesem Kommentar, ist der aller letzte Abschnitt. Die Empfindung zu einem Foto ist immer Subjektiv. Es gibt keine keinen Rat der weltweiten Romantikfotografiekommission einheitlich geltende, von jedem zu akzeptierende, endgültige Wahrheit über ein Foto. Man kann sicherlich ein Bild nach handwerklichen Regeln beurteilen und auch dabei sollte man vorsichtig sein, aber ein künstlerisches Werk ist eine Botschaft, welche erst beim Empfänger entsteht. Ein Foto wird dann gut für den Betrachter, wenn dieser sich in irgend einer Form darin wieder findet, etwas mit dem Bild verbinden kann. Das bei jedem Betrachter im Kopf eine ganz eigene Version des Bildes, das so genannte „Kopfkino“ entsteht, beweisst auch ein anderer Kommentar dieser Diskussion.

Wie ihr seht, ist bei jedem Menschen eine ganz andere Vorstellung zu einem Thema vorhanden und das betrifft insbesondere emotionale Themen, wie die Romantik. Für den einen ist Romantik leidenschaftliches Küssen bei Vollmond, für den anderen ist es eine einzelne Rose, die der 80 Jahre alte Ehemann seiner 50 Jahre andauernden Liebe, seiner Ehefrau mitbringt. Für wieder andere ist Romantik etwas ganz anderes.

Vom dogmatisch klingenden Ton dieses Kommentares mal abgesehen hat auch er seine Daseinsberechtigung, wenngleich ich diese Theorie für deutlich strittiger halte, als das Foto, unter dem sie gepostet worden ist. Romantik kann Unschuld sein. Doch natürlich kann Romantik auch sexy sein, heiss, innig, gefährlich und verrucht. Romantik ist schlichtweg das, was ihr daraus macht! Auch und ganz besonders auf euren Bildern. Aber was gar nicht geht, ist Bilder mit der Stereotypenkeule vorzuverurteilen und abzustempeln.

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Natürlich empfinden Männer Romantik anders als Frauen. Frauen empfinden wahrscheinlich auch den ultimativ perfekten Sex anders als Männer. Aber das impliziert doch nicht gleich, dass das Eine gut und das Andere schlecht ist? Männer, insbesondere männliche Fotografen sind nicht nur „tittengeil“ in jeder erdenklichen Situation und auch nicht automatisch in der romantischen Fotografie. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass für mich ein romantisches Foto mitnichten ein geiles Tittenbild Aktfoto sein muss.

Analysieren wir also mit dem gelernten das strittige Foto. Eine junge, durchaus hübsche Frau genießt mit geschlossenen Augen und geöffnetem Dekolleté das Abendlicht. Jup, für mich romantisch. Aber eben genau nicht wegen dem Dekolleté sondern wegen der Stimmung und dem, was mir das Bild an Gefühl vermittelt. Natur, Abendlicht, und das genießen dieser Situation durch einen Menschen, das transportiert ein gutes Gefühl zu mir, eine gute Stimmung. Passt also per Duden genau. Wenn das für euch nicht so ist, habe ich und wahrscheinlich auch der Urheber des Fotos kein Problem damit. Aber den Geschlechter-Vorschlaghammer auf das Foto zu knallen und ihm jeden Bezug zur Romantik abzusprechen halte ich für falsch.

Fazit

Zusammenfassen braucht man diese ganze Geschichte nicht so genau. Es gibt, insbesondere im Internet, eine Vielzahl an diversen Meinungen, die nach meinem Dafürhalten auch geäußert werden sollen und müssen. Aber man sollte die Augen dabei aufbehalten und den Verstand anlassen, denn bei manchem der Kommentare merkt man, das zwar Licht im Oberstübchen brennt, aber keiner zu Hause ist. Ob ein Bild nun romantisch ist oder nicht liegt nach wie vor in eurem Ermessen. Aber ich plädiere dafür, dass man doch einfach die Schubladen weglässt, in welche wir Menschen alles Stecken müssen. Insbesondere die Kunst hat uns gelehrt, das auferlegte Fesseln gesprengt werden sollten, oder zumindest ab und an mal gehörig verrutscht gehören. Mein letzter Rat dazu deckt sich auch mit einem Kommentar der Gruppe:

Die Message entsteht beim Empfänger.

Veröffentlicht von

Gründer und Zeugwart bei www.blendstufe.de – Gegenlichtliebe, Available Light Fetischist