Dein Bild ist unscharf!

Wenn du mit de Fotografie anfängst, und wie ich nicht einfach drauf los fotografierst und das klassische learning-by-doing betreibst, lernst du vor dem Auslösen. Du liest viel über den Bildschnitt, Blende, Verschluss, ISO, und versuchst alles Wissen in dich aufzusaugen.

Foto 06.09.15, 07 42 29

Mittlerweile bin ich der festen Überzeugung, dass der erste Weg der bessere ist. Geh raus und fotografier. Dann zeig deine Bilder her und hol dir Kritik. Verbessere dich entweder danach, oder nach deiner inneren Stimme, die dir sagt: nicht schlecht, aber das kriegen wir noch besser hin! Du lernst dann aus verschiedenen Foren, Magazinen und aus Kritik-Gruppen, dass man Hände nicht anschneidet, im Bildschnitt, dass man auf jeden Fall immer die Augen eines Modelles scharf haben sollte, dass man das Bild anhand Linien und Schnittmuster ausrichten soll. Das ist für den Anfang auch ganz sicher kein schlechter Rat. Doch mittlerweile hab ich gelernt, dass in der Fotografie, wie auch in anderen Bereichen der Kunst, die Regeln auch gerne mal ganz unkompliziert gebrochen werden dürfen. Beispiele? Gerne doch!

Ich war unlängst auf dem Photowalk 2015 in Wertheim, organisiert vom großartigen Fotografen Yasin Tastan. Die Teilnehmer dort waren zumeist Anfänger und haben die Gelegenheit genutzt, den etwas weiter entwickelten Fotografen über die Schulter zu schauen. Eine Fotografin ist mir dabei nachhaltig im Gedächtnis geblieben. Sie studierte jeden Bildaufbau sehr genau, ließ sich alle Einstellungen genau erklären und brachte nach dem Auslösen ihre Kritik am Bild an. „Da hast du aber eine Hand angeschnitten!“ – „Das ist aber am Auge gar nicht scharf!“ – „Jetzt ist die Gardine vorm Model!“ – solche und andere Sätze fielen dabei zur Genüge. Meine Antwort lautete stets wie folgt: „Gefällt dir das Bild? Ja? Dann hab ich es richtig gemacht!“

Nehmt euch folgendes zu Herzen. Es ist gut und richtig diversen künstlerischen Regeln zu folgen und sie anzuwenden. Insbesondere am Anfang hilft es euch bessere Ergebnisse zu erzielen. Aber tut euch bitte auch ab und an den Gefallen und tut das Gegenteil davon. Fotografiert emotional. Fotografiert aus der Situation heraus, wie es euch gerade passt und fangt ein, was euer Auge in dem Moment fasziniert. Die besten Künstler waren nicht zuletzt jene, die ihre Regeln und „Sitten“ aus dem FF beherrschten, aber sie von Zeit zu Zeit bewusst durchbrachen. Entscheidend für mich ist letztendlich die Gesamtbildwirkung. So ging es mir auch bei diesem Foto. Ja, die Schärfe liegt auf den Haaren des Models. Ja, es interessiert mich nicht, denn das Bild ist aus einer Situation und einer Stimmung heraus entstanden, die zumindest für mich auch durch das Bild transportiert wird. Wie unglaublich großartig dieses Foto trotz seiner Unzulänglichkeiten ist, habe ich nochmal extrem gemerkt, als es gedruckt vor mir lag und nicht zuletzt deswegen gehört es für mich persönlich weit nach vorne, in den Top 10 Fotos aus 2015.

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TL;DR – seid mutig.

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Gründer und Zeugwart bei www.blendstufe.de - Gegenlichtliebe, Available Light Fetischist