Das Hörbuch über Bücher, Menschen und Menschen die eigentlich Bücher sind

Ich habe mir in langer Tradition der Hörbuch-Rezensionen wieder ein Hörbuch geschnappt und für euch und mich von Anfang bis Ende abgehört. Dieses Buch wurde von meiner Twitter-Timeline ziemlich gehyped und ich war äußerst neugierig auf Kai Meyers „Die Seiten der Welt“.

Interessiert hat mich das Buch aber in aller erster Linie nicht wegen meiner Twitter-Timeline, sondern wegen seinem Titel. „Die Seiten der Welt“ klingt für mich nach einem typischen Ken Follet Bestseller mit Überlänge und deftig Tiefgang. Ich habe mich vorab diesmal gar nicht informiert, sondern einfach mit meinem monatlichen Guthaben bei audible.de zugeschlagen. Regulär kostet das gute Stück bei Audible noch 15,95 €uro. TL;DR: ich hätte dieses Hörbuch eher lesen als hören müssen und habe mir die gebundene Ausgabe zugelegt. Warum? Das erfahrt ihr nun.

da hängt einer in seiner Welt fest

Der Einstieg ins Hörbuch selbst und somit in die Geschichte der jungen Furia Salamandra Fairfax geschah für mich recht holprig und ich fand nur schwer Zugang zu Kai Meyers Welt. In dieser dreht sich alles um das Lesen, die Macht des geschriebenen Wortes und die Verantwortung die mit Macht einher geht. Die Geschichte nimmt für meinen Geschmack zu langsam an Fahrt auf, aber wenn man sich auf die beschriebene Welt und ihre Figuren samt deren Magie einlässt, so kann man sehr schnell das grandiose Potential dieses Buches erfassen. Doch nicht nur das erkennt der geneigte Hörer schnell, sondern auch, dass Autor Kai Meyer sich seine Fantasiewelt mit Hingabe und inniger Ausgiebigkeit schon sehr lange ausmalt. Figuren wie lebende Origami-Vögel, aus Büchern heraus gefallene Romanfiguren und sprechende Möbel ziehen den Hörer recht schnell in den besonderen Zauber dieser Welt. Leider mangelt es der Geschichte an sich für meinen Geschmack an dramaturgischen Höhepunkten. Sie entwickelt sich für ein Hörbuch zu langsam und teilweise uninteressant in ihren Wendungen. Erst nach ungefähr der Hälfte der 14 Stunden Spieldauer gewinnt die Sache an Fahrt und man ist mitten drin statt nur dabei *Phrasenschwein fütter*.

Warum ich dieses Hörbuch besser hätte lesen sollen

Einsame Spitze und ein echter Gewinn für „die Seiten der Welt“ ist der Sprecher Simon Jäger, welcher seine Stimme schon den Auftritten von Matt Damon und Heath Ledger im deutschen Kino verpasst hat. Er beherrscht die Spannungsbögen, Tempi und Charaktere dieses Buches wie es wohl kein anderer könnte, insbesondere nicht Christoph Maria Herbst. Simon vermittelt zu jeder Zeit die richtige Stimmung, und hat mich mehr zu dem Hörbuch gezogen, als die eigentliche Geschichte. Diese ist nämlich so detailreich und fein ausgearbeitet, gespickt mit Anleihen aus den großen Büchern der Literaturgeschichte, dass dem Publikum des Hörbuches gerne mal bestimmte Details abhanden gehen oder diese das Interesse verlieren. Ich höre Hörbücher nur im Auto und da ist meine Konzentration einfach beim Verkehr. Das birgt eben das Risiko, dass wichtige, fantastische, schöne oder charakterliche Details des Buches verschütt gehen können. „Die Seiten der Welt“ sollte man lesen. Im Dämmerlicht, bei Kerzenschein mit einem Lieblingsgetränk kann man sich noch tiefer in die Fantasiewelt von Kai Meyer und seiner Furia fallen lassen und mit Hilfe der eigenen Vorstellungskraft dem Kopfkino die entsprechende Würdigung zu Teil werden lassen. Dieses Buch sollte man aber nicht nur lesen statt hören, sondern sogar mehrmals lesen. Wie bei vielen anderen großen Fantasy-Schmökern, wie etwa bei den Zwergen von Markus Heitz entdeckt man so noch deutlich mehr Tiefe und immer wieder Details, welche die Geschichte bereichern. Dadurch eliminiert sich auch das oben beschriebene Manko der ersten Hälfte des Buches. Die langsame und teilweise schleppende Einführung in Furias Welt der Bücher führt beim Hörbuch zu Langeweile. Jedoch beim selbst Lesen lässt genau dieses Tempo der eigenen Fantasie genug Zeit, die beschriebenen Umstände mit eigenem Leben und eigenen Details auszuschmücken. Genau das brauch es nämlich, um einen Leser abzuholen und mit zu reißen. Besonders gelungen finde ich aber die Zahlreichen Anleihen von anderen Büchern, wie den sprechenden Möbeln von Anders, oder diverse Entnahmen von „Tintenherz“. Am genialsten Finde ich das kleine Schnabelbuch, welches von Simon Jäger eine zum Schießen komische Stimme bekommen hat, die mein Kopf beim Lesen auch einfach adaptiert hat 😛

Fazit

Hätte ich Kai Meyers „Seiten der Welt“ nur gehört, wäre das Hörbuch wohl trotz Simon Jägers Großartigkeit recht schlecht weg gekommen. Meine Empfehlung lautet aber: Holt euch für euer Hörbuch-Taschengeld etwas anderes, wie etwa Andy Weirs „Der Marsianer“ (welcher übrigens gerade mit Matt Damon in der Hauptrolle verfilmt worden ist) und genießt Kai Meyers Werk auf bedrucktem Papier, mit eurer eigenen Vorstellungskraft. Genau deswegen wird es auch keine Rezension von mir zum zweiten Teil geben, denn den werde ich direkt lesen statt hören.

Fazit

Spieldauer / Seiten:14 Stunden

Bezugsquelle:Audible.de

Preis:15,95 €uro

Zielgruppe:Jugendliche | Fantasy-Fans

Trainer:Simon Jäger

Gesamtwertung:55 / 100

Veröffentlicht von

Gründer und Zeugwart bei www.blendstufe.de – Gegenlichtliebe, Available Light Fetischist