5 Glaubenskriege der Fotografie

Meine Serie über 5 Dinge die ich gern früher gewusst hätte ist bei euch richtig gut angekommen. Heute gebe ich euch einen Einblick in so manche fotografische Glaubenskriege und wie ich dazu stehe. Die meisten dieser Kriege, über die nicht nur in Foren und selten sachlich gesprochen wird, kennt ihr sicher schon. Dennoch sollten wir darüber reden und mich interessiert bei dieser Nummer natürlich auch eure Meinung. Beginnen wir ganz vorne, bei der Technik.

Festbrennweiten vs. Zoomobjektive

Dieser Krieg schwelt schon viele Dekaden und ein Ende ist nicht in Sicht. Zur Problemstellung als solches gibt es dabei nicht viel zu sagen. Die Festbrennweitenfanatiker schwören auf die pervers geile gute Abbildungsleistung und Zoomobjektivliebhaber behaupten, ihre Linsen stehen den Festbrennern leistungsseitig in nichts nach, sind aber vielseitiger einsetzbar. Doch was genau stimmt denn nun?

Nunja, Glaubenskriege heißen ja so, weil man glaubt. Oder eben nicht. Versuchen wir es mal Objektiv (Anm. d. Autors: Wortwitz, der). Der Vorteil eines Zoomobjektivs liegt auf der Hand. Es ist vielseitig da es sich zwischen mehreren Brennweiten bewegen kann und einem somit im Zweifel sogar das mitschleppen von mehreren Festbrennweiten erspart. Lichtstark sind sie auch, denn es gibt genügend Zooms die zum Beispiel auch bei ner Offenblende von 2.8 anfangen.

Festbrenner haben andere Vorzüge. Sie sind spezialisiert auf eine Brennweite und wie das mit den Spezialisten so ist, die meisten sind Fachidioten auf ihrem Einsatzgebiet ungeschlagene Profis. Schaut man sich sie Objektivvergleiche zum Beispiel auf Canon-Seite mal an, dann sieht man das die ersten Plätze allesamt von Festbrennern beherrscht werden. Sie liefern einfach eine unbestritten gute Abbildungsleistung.

Ich persönlich bin 100% von Festbrennern und ihren Vorzügen überzeugt und nehme die Nachteile dafür in Kauf. Klar können moderne Zoomlinsen ebenso ordentliche Bildqualität abliefern, aber ich habe einige ausprobiert und bleibe bei meinen drei Festbrennern in 35mm, 55mm und 100mm. Den Rest erledigen die Füße und wo das eben nicht geht, bietet meine Kamera genug Auflösung für einen Nachträglichen Beschnitt. Preislich steht je nach Qualität ja das eine Stück Technik dem anderen in nichts nach. Wer mehr dazu wissen möchte kann sich auch gerne mal die erste Folge des FotoundFilmblog Podcasts anhören. Dort war ich zu Gast und habe genau dazu ein paar Dinge erzählt.

RAW vs. JPG

So alt wie die digitale Fotografie ist wohl dieser Streit unter Fotografen. Damals™ war JPG der heiße Scheiss, denn Speicherplatz war dereinst ne teuere Geschichte und JPG ist nun mal ein komprimiertes Format. Heutzutage schwören alle auf RAW, weil man eben keine Informationen durch Kompression verliert und Speicher fast nix mehr kostet. In der letzten Woche erst hat ein sehr medienpräsenter Profi-Fotograf gesagt, dass die modernen Entwickler in der Kamera so gut geworden sind, dass man in vielen Fällen auf RAW verzichten kann.

Ich persönlich kenne die Vorzüge beider Formate und da Speicher billig ist, macht meine Kamera grundsätzlich RAW+JPG. Fertig.

Lightroom vs. CaptureOne Pro

Ein recht junger Kampf unter Fotografen ist nicht etwa der zwischen Photoshop und Gimp (😂) sondern der Konkurrenzkampf der RAW Entwickler. Lightroom ist ein fantastisches Tool und wenn man es beherrscht braucht man wirklich nicht viel mehr.

Warum zum Teufel macht der Herr Blendstufe dann dick einen auf CaptureOne Pro? Das war für mich kein leichter Schritt, aber in der ersten Versuchsstunde bei C1 war mir klar, dass der Schwenk unausweichlich ist. C1 ist schlau, schnell, netzwerkfähig (!) und hat so unfassbar mächtige Algorithmen für Farbe und Schärfe, dass für meinen Geschmack im direkten Vergleich Lightroom chancenlos ist. Ihr habt Lust auf mehr? Hier werden sie geholfen!

D&B vs. Frequenztrennung

In der Retusche tobt seit einigen Jahren der erbittertste aller Kriege. Die beiden Photoshop Techniken Frequenztrennung und Dode & Burn dienen hauptsächlich der Hautretusche und beide werden hauptsächlich von vielen dazu genutzt, Haut weich und rein zu bekommen. Das ist ja erstmal nichts schlimmes, denn wenn man ein Studioportrait auf Blende 11 mit entsprechendem Beautylicht eingeschossen hat, ist selbiges den Hautunreinheiten gnadenlos ehrlich gegenüber. Heisst, man sieht einfach jede Pore. Die will man zwar sehen, aber auf jeden Fall die Hautunreinheiten nicht. Wie kommt man also nun von Pontius zu Pilatus?

Irgendwann hat Calvin Hollywood den Menschen mal die Frequenztrennung näher gebracht, bei der einfach gesprochen das Bild in eine Farbebene und eine Strukturebene geteilt wird. Je nachdem welches Problem man da nun mit der Haut hat, kann man auf der entsprechenden Eben eingreifen ohne die andere dabei zu verändern.

Bei Dodge & Burn hingegen betrachtet man Hautunreinheiten als ein Helligkeitsunterschied eines Bereiches zu seinen umgebenden Pixeln. So ist der Pickel einfach gesprochen quasi ein Fleck, der dunkler oder heller ist als die Hautbereiche drumherum und man kann ihn mittels D&B aufhellen oder abdunkeln um das Problem zu beheben.

Ich persönlich habe schmerzhaft am eigenen Bild gemerkt dass man bei der Frequenztrennung manchmal höllisch aufpassen muss, dass man Hautstrukturen bei der Bearbeitung erhält. Für mich ist daher D&B das Werkzeug meiner Wahl geworden. Am besten in relativ hoher Zoomstufe, bedächtig und sorgfältig eingesetzt hat es bei mir die Frequenztrenung für diesen Anwendungsbereich deutlich geschlagen. Viele Wege führen zwar nach Rom, aber ich glaube, dass man bei der Frequenztrennung zu leicht Struktur zerstört und damit die Haut unnatürlich glatt bügelt. Dazu bietet D&B auch in sich selbst mehrere Herangehensweisen von der einfachen Grauebene bis hin zu D&B mittels Gradationskurve.

+1 vs. -1

Für mich ist dieser Fight einer der wichtigsten und gleichzeitig einer der bedeutendsten. In nahezu jeder Fotoschule bekommt man „Expose to the right“ als Faustregel für ordentliche Bildbelichttung beigebracht. Wer alle Informationen im Bild leicht überbelichtet, dem säuft nichts ab und der kann dann die etwas zu hellen bereiche nötigenfalls noch abdunkeln. Hintendran wird immernoch ominös mit dem Histogramm gewedelt und gesäuselt „Wer das Lesen kann hat fast gewonnen“. Da stimme ich zwar zu, aber lesen und interpretieren sind bekanntlich zwei Paar Schuhe.

Ich belichte meine Bilder lieber etwas zu dunkel als zu hell und befinde mich bei -1, manchmal sogar bei -2 Blenden. Das schafft bei mir die beste Bildstimmung, lässt sich gut retuschieren und sieht auch farblich entsättigt immer noch sehr gut aus. Beim Fotografieren muss ich dabei darauf achten, dass zum Beispiel das Gesicht des Modells mit einem Reflektor richtig ausgeluchtet ist und natürlich kommr es auch immer ein wenig auf die Lichtsituation insgesamt an und auch auf den Geschmack von Fotograf und Modell. Wichtig ist: probiert beides aus !

Leider verloren

Wer sich auf diese Glaubenskriege einlässt und aktiv an ihnen beteiligt ist, der ist entweder Markenbotschafter oder aber hat zu viel Zeit. Denn worauf es nach wie vor ankommt ist das Fotografieren. Geht raus und macht so viel verschiedenes wie ihr nur könnt. Lasst Technik- und Softwareglaubenskriege hinter euch und benutzt genau das, was für euch am Besten passt oder was euch das beste Ergebnis bringt. Den Rest überlasst ihr bitte den „alten Männern mit Teleobjektiven“ (Anm. d.Autors: Sinnhaftig wiedergegebenes Zitat von Steffen Stilpirat Böttcher über das Klientel der Photokina).

Kennt ihr noch mehr dieser „Glaubenskriege“? Auf welcher Seite steht ihr und warum? Lasst mal hören!

Veröffentlicht von

Gründer und Zeugwart bei www.blendstufe.de - Gegenlichtliebe, Available Light Fetischist